Von Liebe, Gott und Teufel

Kultur / 22.11.2019 • 19:46 Uhr / 6 Minuten Lesezeit

Neues Stück von Michael Köhlmeier wurde als heutiges Mysterienspiel im Theater Kosmos sehr gut aufgenommen.

Christa Dietrich

Bregenz „Wenn ich euer Gott wäre, würdet ihr sagen: Er ist ein guter Gott. Er nimmt uns an der Hand. Er führt uns durch die Finsternis. Er verlässt uns nicht. Wir dürfen uns auf ihn verlassen“, sagt der Prediger im Stück „Lamm Gottes“ von Michael Köhlmeier. Als Gott ist dieser Prediger dann weit weg, so gut wie unerreichbar, formt Menschen nach seinem Bilde und hat keine Zeit für „Individualisten“. Der Teufel ist stets rasch zur Stelle und ihm ist beinahe jeder recht. Auch Martha verkauft ihm eine Seele, nicht die eigene, sondern die ihres Mannes. Damit er länger leben darf als bis zum Tag der Hochzeit, an dem der Tod bereits neben der Tafel lauert. Dieser singt von Kobolden und Dämonen, die nach Gedanken forschen, trägt Kapuzenmantel und Sense und gleicht somit jener Gestalt, die wir in der Kunst seit dem Mittelalter kennen und die beinahe unverzichtbar ist für das Mysterienspiel.

Als Anlehnung an ein solches, als Theater, das allegorische Figuren zulässt, ist Köhlmeiers Werk zu verstehen, aus der Absicht, die Abtrünnigen zu bekehren, ist es selbstverständlich nicht gespeist. Diese Art der Renaissance des Genres gehört auf den Salzburger Domplatz. In „Lamm Gottes“ ist der Mensch nicht nur aufgeklärter Zweifler, sondern ganz heutig, er hat sich von Rollenklischees getrennt, Mann und Frau gleichgestellt, reflektiert, analysiert, sucht aber auch nach dem, was die Welt im Innersten zusammenhält.

Die Ökonomisierung der Welt

Die Horváth’sche Frage „Wie gefällt euch unsere Zeit?“ hat das Theater Kosmos dem Jahresspielplan vorangestellt, in dem mit den großen Produktionen die Ökonomisierung der Welt thematisiert und hinterfragt werden sollte. „Lamm Gottes“ bildet den Abschluss, ist ganz Theater, ganz Spiel, hat Schauplätze, die von ganz oben bis ganz unten reichen, lässt Teufel, Gott, Menschen und Getier auftreten, enthält Alltägliches wie Ungeheuerliches, handelt vom Kleinen und ganz Großen und berücksichtigt das, was Michael Köhlmeier im Programmheft selbst mit der Vorsicht vor großen Worten anführt. Allzu schnell könnten sie sich nämlich aufblähen und zu Prinzipien werden, für die es sich zu sterben lohnt.Sie passieren ihm nicht, mit Hubert Dragaschnig, der nicht nur den Prediger spielt, sondern an dessen Text auch mitgewirkt hat, erzählt der Schriftsteller, dem die Sagenwelt, die antike Mythologie und die Geschichte bis herauf in die Gegenwart, wie sein umfangreiches Prosa-Werk bestätigt, geläufig sind, im Grunde genommen auch von der Liebe und von Bindungen, die nicht Besitz meinen. Die Uraufführung von „Lamm Gottes“ hat das Publikum am Donnerstagabend im vollbesetzten Theater Kosmos in Bregenz sehr gut aufgenommen. Jubel und Applaus galten gleichermaßen den Schauspielern, der Regie und dem Autor. Bis Mitte Dezember sind zahlreiche Aufführungen angesetzt, im nächsten Frühjahr kommt das Werk dann ans Schauspielhaus Salzburg.

Prinzip des Homo ludens

Kosmos arbeitet ohne fixes Ensemble, engagiert aber immer wieder Schauspieler, die das Publikum von früheren Produktionen kennt. Haymon M. Buttinger spielt keinen unerbittlichen, sondern einen empathischen Tod, Christiane Warnecke und Wini Gropper verhandeln als Katzenpaar mit berührender, nicht zu kindlicher Naivität die Themen Fressen und Gefressenwerden und Stella Roberts gelingt der Übergang von der allegorischen Figur der Frommen zur selbstbestimmten modernen Frau und Geisteswissenschaftlerin so bruchlos wie es dieser Text, dieses Theater verlangt, in dem alles möglich sein muss ohne eine Maschinerie zu strapazieren. Augustin Jagg verlangt das von seinem Team und bekommt es. Er bekommt es von allen und selbstverständlich von Hubert Dragaschnig, der Erzähler, Moderator, Gott und Teufel ist, dabei Stereotype listig durchscheinen lässt oder einfach nur Mensch bleibt. Man nimmt ihm die Gefühlsskalen ab, bis hin zur Eiseskälte, die es braucht, wenn es Jonathan Swifts reine Ökonomie zu zitieren gilt, nach der es am vernünftigsten wäre, der Armut dadurch zu begegnen, dass die Kinder besitzloser Leute erst gar nicht zu darben brauchen, wenn sie kurz nach der Entwöhnung von der Mutterbrust den Reichen als Nahrung dienten.

Ein rund 300 Jahre alter Text taugt durchaus noch, um uns mit gegenwärtigen Verhältnissen zu konfrontieren und auch das Mysterienspiel ist noch ein probates Mittel. Ragna Heiny hat dafür eine einfache Stufenbühne mit Kanzel und Tafel gebaut, mehr als reduzierte Lichteffekte (Matthias Zuggal) und treffende Klänge (Herwig Hammerl) braucht es nicht, wenn sich ein Theater und ein Autor, der sich als Dramatiker an sich sehr rar gemacht hat, einmal voll und ganz dem Prinzip des Homo ludens widmen und es auch können.

Szenen aus „Lamm Gottes“ im Theater Kosmos. VN/Paulitsch, Kresser
Szenen aus „Lamm Gottes“ im Theater Kosmos. VN/Paulitsch, Kresser

Weitere Aufführungen von „Lamm Gottes“ im Theater Kosmos in Bregenz bis Mitte Dezember: www.theaterkosmos.at.