Die Improvisation als herausforderndes Spektakel

Kultur / 24.11.2019 • 20:11 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Das Duell fand in der Stadtpfarrkiche St. Martin in Dornbirn und im Feldkircher Dom statt. V. Marin, M. Rhomberg
Das Duell fand in der Stadtpfarrkiche St. Martin in Dornbirn und im Feldkircher Dom statt. V. Marin, M. Rhomberg

Montforter Zwischentöne präsentierten mit dem Orgelduell ein sportiv spannendes Format.

DORNBIRN, FELDKIRCH Die packende Realität eines spektakulären Orgelduells verdankt man dem Einfallsreichtum der Leiter der Montforter Zwischentöne, die diese Idee zu ihrem Festivalthema „Warten“ an zwei Abenden mit Hin- und Rückspiel inszenierten. Ein durchaus sportiv spannendes neues Konzertformat, mit erstaunlichem Zuspruch des Publikums, das in der ungeheizten Kirche St. Martin bei gefühlten zehn Grad zwei Stunden lang tapfer ausharrte.

Es geht um die hohe Kunst der Improvisation, also der spontanen Erfindung von Musik, die neben dem Jazz auch in der Orgelmusik als Königsdisziplin gilt. Da treten nun zwei Organisten von Weltklasse gegeneinander an, kaum zu toppen und einer besser als der andere, denen nichts fremd ist in der weiten Welt der Register, Stile und Werke rund um die Orgel. Es sind der vielfach preisgekrönte Ungar László Fassang und der jüngere, ebenfalls ausgezeichnete bayerische Organist Martin Sturm. Der Musikwissenschaftler

Bernhard

Schrammek

hat für sie jeweils in drei Runden die fachspezifischen Aufgaben parat, Annekathrin

Henschel vom Bayerischen Rundfunk stellt in lockerer Moderation den Kontakt auch mit dem Publikum her.

Gegensätzliches

Die Wahl der beiden Schauplätze führt in zwei gegensätzliche Klangwelten. Da steht am ersten Abend die spätromantische pneumatische Behmann-Orgel in Dornbirn St. Martin im Mittelpunkt, ein Unikum des „symphonischen“ Orgelbaus von 1928, die mit ihren 72 Registern eine Vielfalt an Orchesterfarben und per Hochdruck auch gewaltige Lautstärken anzubieten hat. Nacheinander legen die beiden nun los, in ihren Aktionen

am Spieltisch auf eine Leinwand übertragen. Da gilt es zunächst, eine Introduktion und Fuge im Stil der Romantik zu gestalten. Dann werden Variationen über ein selbst gewähltes Thema verlangt und zum Abschluss eine viersätzige Orgelsymphonie in einem eigenen freien Stil. Es ist faszinierend zu beobachten, wie individuell die beiden Organisten an ihre Aufgaben herangehen, dabei während ihres virtuosen Spiels noch blitzschnell umregistrieren und damit die klanglichen Möglichkeiten der Orgel abrufen, mit der sie sich kurz vertraut gemacht haben. Da ist alles drin, von verschleierten Klängen, dem eingebauten Glockenspiel bis zu brausenden Gewitterstimmungen in packenden Klangballungen.

Generell hat man den Eindruck, Fassang ist der Abgebrühtere der beiden im spontanen Erfinden und fundierten Verarbeiten von Themen wie in seiner abschließenden halsbrecherischen Toccata. Bei Sturm dürfte der Name Programm sein, wenn er sich in jugendlich showmäßige Einlagen flüchtet, oft auch in stereotypen Floskeln verharrt, ausbleibende neue Einfälle durch Lautstärke mit der Crescendo-Walze wettmacht und dafür Pedalsoli liefert, die einem 100-Meter-Läufer alle Ehre einlegen würden. Orgelimprovisation fordert eben nicht nur geistigen, sondern auch hohen körperlichen Einsatz.

Das genaue Gegenteil zu diesen oft schwülstig ausladenden Klangflächen ergibt die Rückrunde im Feldkircher Dom, wo die mechanische Metzler-Orgel von 1976 mit asketischer Klarheit und Transparenz für die Wiedergabe von Barock und Neuer Musik steht. Martin Sturm, der im Hinspiel noch etwas geschwächelt hat, fühlt sich an diesem Instrument wesentlich wohler und dominiert die ersten Runden. Sein Feldkirch-Thema im Stil von Scarlatti beeindruckt mit reizvollen Kuckucksrufen als Echo, bei einer modernen Weihnachtsfantasie reizt er alle Möglichkeiten gedrosselter Luftzufuhr der Orgel aus und erreicht fantastisch diffuse Klänge.

Fiktives Werk von Bach

Umwerfend dann das Finale, in dem sich beide Organisten in einem fiktiven Werk Bachs von 1702 packend auf Augenhöhe matchen und in einen Rausch geraten, als würde Johann Sebastian himself mit ihnen an der Orgelbank sitzen. Das Publikum ist zwar begeistert, votet als Jury aber stets diplomatisch mit Summtönen auf Unentschieden.

Nächste Montforter Zwischentöne, 10. Dezember, Montforthaus Feldkirch: Concerto Köln mit der Sopranistin Dorothee Mields und der Schauspielerin Martina Gedeck.