Eine echte Entdeckung

Kultur / 24.11.2019 • 20:11 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Das Stück nach dem Roman „Vevi“ von Erica Lillegg wird am Vorarlberger Landestheater von Bérénice Hebenstreit inszeniert. LT/köhler
Das Stück nach dem Roman „Vevi“ von Erica Lillegg wird am Vorarlberger Landestheater von Bérénice Hebenstreit inszeniert. LT/köhler

Vevi ist Österreichs Pippi: Landestheater bringt Kinderbuch von Erica Lillegg auf die Bühne.

Christa Dietrich

Bregenz Die übernatürlichen Kräfte sowie die Fantasiebegabung von Pippi Langstrumpf sind allen geläufig, jene von Vevi blieben lange verborgen. Die Schwedin Astrid Lindgren (1907-2002) hatte es etwas besser erwischt, Erica Lillegg (1907-1988) ereilte ein Schicksal, das für das konservative Nachkriegsösterreich bezeichnend ist: Im Ausland durchaus gefeiert, wurde die aus Graz stammende Schriftstellerin hierzulande viel zu wenig wahrgenommen. Ernst Seibert und Vera Nowak haben vor einigen Jahren Inhalte ihrer Werke wissenschaftlich aufgearbeitet und auch Clemens Ottawas Spurensuche nach vergessenen Autorinnen und Autoren war behilflich, um zu verdeutlichen, dass da bereits Mitte der 1950er-Jahre moderne Kinderliteratur entstand, wie sie dann erst etwa mit Christine Nöstlinger in die österreichischen Klassenzimmer und Haushalte kam. 

Umso erfreulicher ist es, dass nun auch das Vorarlberger Landestheater an der Wiederentdeckung von Erica Lillegg mitwirkt. Bérénice Hebenstreit und Michael Isenberg haben die Bühnenfassung des Romans „Vevi“ erstellt, Hebenstreit zeichnet auch für die Inszenierung verantwortlich. Die Regisseurin, die man unter anderem von Arbeiten am Wiener Volkstheater – darunter sind auch Romanadaptierungen – kennt, hat im letzten Frühjahr in Bregenz mit „Der Flüchtling“ von Fritz Hochwälder eine der besten Produktionen der ersten Spielzeit von Intendantin Stephanie Gräve mitverantwortet.

Neue Publikumsschichten

Das sind gute Voraussetzungen für das zentrale Familienstück im Jahresspielplan, mit dem das Landestheater danach zu trachten hat, breite und vor allem auch neue Publikumsschichten ans Haus zu ziehen. „Vevi“ steht vergleichsweise oft auf dem Programm, wird abends wie nachmittags und als Schulaufführung angeboten sowie als Gastspiel auch im Stadttheater in Lindau gezeigt. Dem Bekanntwerden des Werks von Erica Lillegg ist damit ein entsprechender Weg geebnet.

Selbstfindung

Eine österreichische Pippi Langstrumpf habe Erica Lillegg mit Vevi kreiert, heißt es mittlerweile unter Kinder- und Jugendliteraturexperten. Der Vergleich ist angebracht, obwohl man beim Lesen feststellen darf, dass es Vevi gar nicht darauf anlegt, mit ihren übernatürlichen Möglichkeiten zu beeindrucken bzw. den Alltag zu bewältigen und Abenteuer zu bestehen. Im Kampf gegen ein althergebrachtes Rollenverständnis und mit ihrem Freiheitsdrang hat sie aber gar keine andere Wahl. Zudem zeigt die Autorin mit Vevis Doppelgängerin einen Weg der Selbstfindung und Selbstbestimmung auf, der erst später zu einem großen Thema des Genres wird. Dass Vevi im Zuge ihres Ausbruchs aus dem beengten Alltag mit einer strengen Tante nach Paris reist, kommt nicht von ungefähr. Erica Lillegg hatte in Wien studiert und als Journalistin gearbeitet. Sie heiratete den Maler Edgar Jené, einen Vertreter der Surrealismus bzw. des Wiener Phantastischen Realismus, der mit André Breton, Max Ernst und Paul Celan bekannt war. Nach der schweren Zeit des Nationalsozialismus, in der das Werk von Jené als entartet gebrandmarkt wurde, führte das Paar kurze Zeit einen Salon, zog bald nach Paris und schließlich ins Burgund.

Sprachliche Feinheiten

Der Roman „Vevi“ erschien in einem deutschen Verlag. Die Hauptfigur, ein Mädchen, lebt als Vollwaise bei seiner Tante. Weil es seine Begabung nicht einsetzen kann, wird die Schule zur lästigen Pflicht. Dabei ist der kleinen Vevi nicht nur viel Empathie eigen, sie hat auch ein enormes Vorstellungsvermögen. Mit Tieren sprechen zu können, ist in der Kinderliteratur nichts Neues, aber in der Art des Reisens nimmt Lillegg auch das Fantasy-Genre vorweg, im Zentrum steht jedoch das Schaffen eines zweiten Ichs. Wie Vevi Nr. 1 schließlich die Auswüchse von Vevi Nr. 2 in den Griff bekommt, wird so schwungvoll wie anrührend erzählt. Es darf zudem verraten werden, dass die Dramatisierung auch sprachliche Feinheiten gut berücksichtigt.

Die Premiere findet am 26. November, 19.30 Uhr, im Theater am Kornmarkt in Bregenz statt. Zahlreiche Aufführungen bis Mitte Jänner: www.landestheater.org