Beginn einer wunderbaren Freundschaft mit „Vevi“

Kultur / 27.11.2019 • 15:05 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Mitreißend gespielt, gesungen und musiziert: Vivienne Causemann in „Vevi“. LT/ANJA KÖHLER

Die Bühnenfassung des Kinderbuches von Erica Lillegg wurde am Landestheater jubelnd willkommen geheißen.

Christa Dietrich

Bregenz „Vielleicht kann sie mir eines Tages noch einmal nützlich sein“, sagt Vevi und wirft die Wurzel, die ihr zuerst viel Glück, dann aber auch einigen Ärger einbrachte, am Ende nicht weg. So eine Wurzel wäre echt praktisch, sorgt sie doch dafür, dass ruckzuck eine Doppelgängerin geschaffen wird, die unliebsame Dinge, zum Beispiel Hausaufgaben, erledigt, während man selbst – unbemerkt vom Umfeld – verreisen oder sonst etwas tun kann. Derlei wundersame Dinge gibt es aber nur im Märchen oder in der Kinderliteratur. Gut geschrieben, geht es dabei in erster Linie nicht um Zauberei, sondern um die Fantasiewelt eines Kindes, die Anregung braucht, damit der Alltag bewältigt und Selbstbewusstsein entwickelt werden können.

Die Wiederentdeckung eines solchen Buches hat das Vorarlberger Landestheater nun mächtig angeschoben: „Vevi“ der österreichischen Autorin Erica Lillegg (1907-1988) erhielt eine Bühnenfassung, die bei der Erstaufführung von einem jubelnden Publikum am Kornmarkt willkommen geheißen wurde. Das Familienstück erst einmal am Abend anzubieten, ist eine ungewöhnliche Entscheidung, denn selbstverständlich gibt es bei einem Werk, das für Zuschauer ab sechs Jahren gedacht ist, kein Alterslimit nach oben, aber Erwachsene nehmen als Publikum in einem Kinderstück auch gerne die Reaktionen der Jungen wahr. Damit war erst einmal nichts. Die Reihe der Vormittags- und Nachmittagsaufführungen wird am Donnerstag gestartet.

Mit entsprechender Erfahrung und einigem Vorstellungsvermögen darf man davon ausgehen, dass dabei jeweils die Post abgeht.

Perfekte Sprech- und Bewegungstechnik

„Vevi“, Mitte der 1950er-Jahre verfasst, gehört, wie bereits berichtet, zur besten Sorte von Kinderliteratur. Lillegg hat sich nicht nur in die Gefühlswelt einer wissbegierigen Neun- bis Zehnjährigen versetzt, sie versteht auch das Changieren zwischen Realität und Irrealität. Vevi spricht also ganz selbstverständlich mit Tieren, fühlt sich überbehütet, aber auch einsam und erhält als Dank für ein beherztes Eingreifen für eine bedrängte Mäusefamilie die Möglichkeit, sich eine Doppelgängerin zu schaffen. Diese sorgt für Turbulenzen, aber schließlich geht alles gut aus. Es braucht keine große Bühnenzauberei, um eine weite Reise und Verwandlungen ungemein spannend zu gestalten. Regisseurin Bérénice Hebenstreit, die mit Michael Isenberg auch die Textfassung verantwortet, setzt auf perfekte Sprech- und Bewegungstechnik, die ihr Vivienne Causemann, Luzian Hirschel, Rahel Jankowski, Nico Raschner und Tobias Krüger auch dann liefern, wenn man in mehrere Rollen zu schlüpfen hat. Das ergibt eine Dynamik, die ohne Einsatz von Bühnenmaschinerie und Tricks mitreißt. Mira König hat sich eine im wahrsten Sinne des Wortes leicht schräge Ausstattung ausgedacht, die die Intention bestens unterstreicht.

Pippis ganz schön vife Schwester

Das ist aber noch lange nicht alles, denn „Vevi“ bekommt in Bregenz von Gilbert Handler eine Musik, die besser nicht sein könnte. Neben einer witzigen Adaptierung einer Melodie aus Mozarts „Zauberflöte“ fährt eine Art Indie-Rock ein, hat Anspruch und führt sogar über den Schluss hinaus, an dem sich eine wunderbare Freundschaft entwickelt. So wie alle Schauspieler – und vor allem auch Hauptdarstellerin Vivienne Causemann – singen und musizieren können, wird diese wohl auch zwischen „Vevi“ und dem Publikum entstehen können. Ja, mit der Figur haben wir eine österreichische Pippi Langstrumpf entdeckt, die glatt noch mehr drauf hat als das starke Mädchen, das wir alle kennen und das somit eine ganz schön vife Schwester hat.

Weitere Aufführungen ab 28. November bis Mitte Jänner im Bregenzer Kornmarkttheater mit einem Gastspiel in Lindau: www.landestheater.org