Fragmentarisches, das in den Bann zieht

Kultur / 29.11.2019 • 17:10 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Mädchenleben oder Die HeiligsprechungMartin Walser, Rowohlt, 96 Seiten

Mädchenleben oder Die Heiligsprechung

Martin Walser,
Rowohlt, 96 Seiten

Martin Walser hat eine Idee umgesetzt, die er vor Jahren notierte.

Legende Wieder ein neues Buch von Martin Walser: Mit „Mädchenleben oder die Heiligsprechung“ hat der 92-Jährige eine Idee umgesetzt, die er schon 1961 in seinen Tagebüchern notiert hatte. Fast 60 Jahre später ist daraus ein schmales Büchlein geworden, das Walser selbst als „Legende“ bezeichnet. Und tatsächlich lässt sich die Geschichte nicht so recht als Roman bezeichnen, nur angedeutet ist die Handlung.

In deren Zentrum steht Sirte, ein ungewöhnliches Mädchen, das bei Sturm in den See rennt und in einem zahmen Raben ihren engsten Vertrauten sieht. Irgendwann ist Sirte verschwunden und ihr Vater – selbst nicht weniger sonderbar – will sie heiligsprechen lassen. Dazu bittet er seinen Untermieter Anton Schweiger um Hilfe, der Sirte längst verfallen ist.

Den größten Teil des Buches nimmt Schweigers Beschreibung von Sirte ein, voll mit den typischen Walser-Sätzen, denen man sich als Leser nur schwer entziehen kann. So heißt es beispielsweise: „Sirte einmal zu mir: Ich kann mich nicht zusammennehmen. Ich müsste mich entschließen, die Arme auszustrecken, dass die Hände irgendwo Halt fänden. Ich treibe abwärts. Vielleicht nimmt die Geschwindigkeit zu. Und Angst habe ich auch. Diese Angst macht müde. Ich könnte gähnen vor Angst.“ Hinzu kommen Gedankenfetzen, Überlegungen und religiöse Einsichten von Sirte selbst. Doch trotz der fragmentarischen Erzählweise und dem Nicht-Vorankommen der Handlung zieht das Büchlein einen im Bann.

Schreiben statt sprechen

Walser ist nicht nur einer der bedeutendsten Schriftsteller der Gegenwart, sondern auch sehr produktiv. Allein bei seinem Verlag Rowohlt – zu dem Walser im Jahr 2004 von Suhrkamp gewechselt war – erschienen seit damals 19 Bücher. Schreiben sei für ihn wichtiger als das Sprechen, sagte der Autor im vergangenen Jahr bei der Vorstellung seines Buches „Spätdienst“. Es sei für ihn eine Urgewohnheit. „Schreiben ist das Einzige, das ich von selbst tue, ohne dass ich muss.“

In „Spätdienst“ sind Aphorismen, Gedanken und Gedichte gesammelt. Oft sind nur wenige Zeilen, selten ein bisschen mehr, einmal lyrisch, einmal essayistisch und immer brillant formuliert. Dieser Band verrät allerdings nicht, aus welcher Zeit die Notate stammen. Aber das große Thema ist die Auseinandersetzung mit dem Alter, ehrlich bis zur Schonungslosigkeit.