Luxus als Teil der menschlichen Natur

Kultur / 29.11.2019 • 19:53 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
„Gute Kunst lässt immer etwas offen, nur so kann der Betrachter seine eigenen Gedanken einbringen und Neues entdecken“, so Eva Grubinger. Belvedere
„Gute Kunst lässt immer etwas offen, nur so kann der Betrachter seine eigenen Gedanken einbringen und Neues entdecken“, so Eva Grubinger. Belvedere

Bildhauerin Eva Grubinger experimentiert mit Begierde und Ablehnung von Luxus.

Wien Weiß, glatt, glänzend und stromlinienförmig: So liegt Eva Grubingers Cockpit einer Luxusjacht im großen Ausstellungsraum des Belvedere 21 in Wien. Umgeben von drei auf dem Fußboden treibenden schwarzen Seeminen ist die extra für die Ausstellung angefertigte Skulptur der Mittelpunkt des Raumes. Sie lädt den Besucher ein, im Inneren Platz zu nehmen: „Der Betrachter soll in der Ausstellung Raum bekommen, um eigene Gedanken einbringen zu können und die verschiedenen Bedeutungsebenen zu entdecken“, so Eva Grubinger. Die vom Vorarlberger Severin Dünser kuratierte Ausstellung hat ein zentrales Thema: Ungleichheit. „Die Faszination für und die Begierde nach Luxus sind Teil der menschlichen Natur. Die Jacht stellt dabei das ultimative Luxusobjekt dar und vermittelt ein Gefühl von Vergnügen, Freizeit und Autarkie“, erklärt Grubinger. Trotzdem ist sie nicht immun gegen die Gefahren, die sie umgeben. In unmittelbarer Entfernung lauern schwarze Minen: strukturelle Ungleichheit, Umweltzerstörung, Rechtspopulismus und digitale Überwachung. Der Betrachter beobachtet einen unmittelbar bevorstehenden Moment des Konflikts.

Unendliches Begehren

„Malady of the Infinite“ heißt die Skulptur der Salzburgerin. „Das Leiden am Unendlichen“ geht auf den Begründer der modernen Soziologie, Émil Durkheim, zurück. Der Franzose beschrieb damit zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Gefühl einer Überforderung: War die Gedanken- und Lebenswelt im Feudalismus noch beschränkt und vorgegeben, brachten Moderne, Industrialisierung und liberale Ideen Selbstbestimmung, Freiheit und Individualisierung. Das dadurch ausgelöste „unstillbare Begehren“ nach Mehr symbolisiert Grubinger in der nicht funktionierenden und keine Befriedigung bietenden Luxusjacht. Eine weitere zentrale Bedeutungsebene für die Ausstellung ist das Meer. In unserer Gedankenwelt ist es ein Ort, der für Freiheit und Autonomie steht. Gleichzeitig ist die hohe See ein Raum für Piraterie, Menschenhandel und Steuervermeidung. „Aktuell ist das Meer für viele Silicon-Valley-Milliardäre ein Sehnsuchtsort. Städte, die auf hoher See entstehen, frei von Regulierungen und Steuerverpflichtungen, sollen utopische Zukunftsvorstellungen verwirklichen“, erklärt Severin Dünser. „Eva Grubinger geht in ihren Werken häufig von politischen Ereignissen oder zeitgeschichtlichen Entwicklungen aus und setzt sie in den Kontext der Gegenwart.“ So auch in ihren 2019 in der Tobias Naehring Gallery in Leipzig gezeigten Ausstellung „Steam“. Die Erfindung der Dampfmaschine half nicht nur dabei, die europäischen Nationalstaaten zu formen, sondern beschleunigte auch die Ausbeutung natürlicher Ressourcen. Grubinger hinterfragt die Erfindungen, die hinter großen gesellschaftlichen Umwälzungen stehen gerne kritisch.

„Malady of the Infinite“ im Belvedere 21 in Wien ist bis 13. April geöffnet, Mi bis So, 11 bis 18 Uhr und Abendöffnungen: belvedere.at