„Wir müssen einander zuhören“

Kultur / 29.11.2019 • 22:06 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Vor mehr als zehn Jahren hat das Aktionstheater seine Arbeitsweise verändert. Es werden Stücke entwickelt, die relevante Themen aufgreifen.Theater/Stefan Hauer
Vor mehr als zehn Jahren hat das Aktionstheater seine Arbeitsweise verändert. Es werden Stücke entwickelt, die relevante Themen aufgreifen.Theater/Stefan Hauer

Mit „Heile mich“ thematisiert das Aktionstheater auch das, was die Gesellschaft vergiftet.

Dornbirn Jeder neuen Produktion des Aktionstheaters, das in den letzten Jahren mit jeweils selbst entwickelten, hochpolitischen Stücken überzeugte, aufrührte und Preise einheimsen konnte, sehen die Theatergeher mit einer hohen Erwartungshaltung entgegen. „Wir treten in Kommunikation mit dem Publikum, ich kann mich nicht aus meiner Realität absentieren“, erläutert Martin Gruber, der Leiter des Ensembles und Regisseur, inwieweit dies auch eine Belastung darstellt. Im besonderen Arbeitsprozess gehe es immer um den Moment selbst und um die Frage, in welche Richtung sich das Stück entwickeln soll. Die Frage, was das aufgeworfene Thema beim Publikum auslöst, ließe sich in diesem empathischen Prozess jedoch nicht ausklammern. An das Publikum denken, heißt, so Gruber, aber nicht, es zu bedienen. Kurz gesagt: „Es darf nicht in Anbiederung enden.“

Vor wenigen Tagen ist das Ensemble gerade wieder aus Wien angereist, wo es sich längst etabliert hat. Die Uraufführungen in Vorarlberg zu realisieren, daran hält der aus Dornbirn stammende Künstler fest. „Heile mich“ lautet der Titel des Stücks, das in der kommenden Woche am Dornbirner Spielboden angeboten wird. Der Text ist nur ein Element neben der Musik und der Choreografie, lässt aber darauf schließen, dass das Übertragen von Verantwortung im Fokus steht. Abgesehen davon, dass wir alle das Bedürfnis haben, körperlich und seelisch gesund zu sein und in der Wahl der Mittel dabei manipulierbar sind, zielt Gruber mit seinen durchaus privaten und auch intimen Geschichten, die seine Schauspieler auf unvergleichliche Art erzählen, auf eine Politik, die Heils-
erwartungen schürt.

Radikal

Ein Grundthema ist der Narzissmus. Gruber stellt dieses aber auch in Verbindung zu einem Nationalismus, der die Gesellschaft vergifte. Ein weiterer Punkt berühre die Problematik, dass wir einander nicht zuhören. Gruber holt im Gespräch mit den VN aus und erinnert daran, dass Alexander Van der Bellen bei seiner Wahl zum Präsidenten gesagt hat, dass die zwei Hälften der Gesellschaft wieder zusammenkommen müssten. Gruber: „Das war keine Floskel, das war eine Bestandsaufnahme und das heißt auch nicht, dass man sich in einer komischen Mitte treffen soll, aber ich muss dem anderen zuhören. Wenn die Kommunikation nicht funktioniert, passiert Einsamkeit. Dieses Thema habe ich zu bearbeiten versucht – radikal.“ Im Übrigen hat Martin Gruber gerade ein Inszenierungsangebot eines anderen Theaterunternehmens abgelehnt.

„Ich denke als Regisseur stets ans Publikum, bediene es aber nicht.“

„Heile mich“ wird am 3. Dezember am Dornbirner Spielboden uraufgeführt, weitere Aufführungen am 5., 6. und 7. Dezember und ab 29. Jänner im Werk X in Wien.