Flagellantenzug mit Samtpeitschen

Kultur / 01.12.2019 • 18:57 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Gérard Korsten führte „sein“ Orchester wieder einmal zu einem Höhenflug.  Lisa Mathis
Gérard Korsten führte „sein“ Orchester wieder einmal zu einem Höhenflug.  Lisa Mathis

Das SOV brillierte mit romantischer Orchesterliteratur in großer Besetzung.

Feldkirch Wenn durch den Klimawandel die Weltuntergangsstimmung noch mehr zunimmt, werden Flagellantenzüge vielleicht wieder modern, wie sie im 13. Jahrhundert durch die Lande zogen. Ingmar Bergman hat in „Das Siebente Siegel“ eine solch düstere Prozession von bußfertigen Selbstgeißlern eingebaut. Der in Feldkirch geborene Karl Bleyle widmete ihnen eine üppig instrumentierte Tondichtung, die 1908 in München unter Felix Mottl erfolgreich uraufgeführt wurde und nun als Huldigung an Bleyle, dessen Tod sich heuer zum fünfzigsten Mal jährt, das dritte Abokonzert des SOV eröffnete. Wer sich gequälte, zerrissene Musik erwartet hatte, wurde angenehm enttäuscht: Das Werk beginnt effektvoll dröhnend, geht aber gleich einmal in eine angedeutete Walzermelodie über und wird gegen Ende immer ruhiger.

Dazwischen breitet sich eine Abfolge von melodisch-heiteren bis bedrohlichen Szenen aus, die in ihrer Opulenz an ein Historiengemälde von Makart erinnern und durchaus kulinarisch anzuhören sind – so als geißelten sich die Flagellanten mit Samtpeitschen. Das große, rund achtzigköpfige Orchester mit dreifach besetzten Holzbläsern, viel Blech, Schlagwerk, Harfe und Celesta wird dabei farbenreich und effektvoll eingesetzt. Dass daraus in der schwierigen Akustik des Montforthauses kein diffuser, fetter Klangbrei wurde, ist der akribischen Probenarbeit von Gérard Korsten zu verdanken, dem Ehrendirigenten des SOV, der trotz der Klangfülle immer auf Detailgenauigkeit und Durchhörbarkeit bedacht war. Das Feldkircher Publikum spendete dem Sohn der Stadt freundlichen Applaus.

Ein Dauerbrenner

Mit dem g-moll-Violinkonzert von Max Bruch, der sich als ebenbürtigen Kollegen von Brahms empfand und einmal schrieb: „Treffe ich mit Brahms im Himmel zusammen, lasse ich mich in die Hölle versetzen“, stand als Nächstes ein Dauerbrenner des Konzertlebens auf dem Programm, Bruchs einzige Komposition, die man heute noch allgemein kennt. Für sein Violinkonzert holte sich Bruch Ezzes bei berühmten Geigern wie Joseph Joachim, der bei der triumphalen Uraufführung der zweiten Fassung 1868 den Solopart spielte. Geigerisch liegt das Bruch-Konzert sehr gut in den Fingern. Der am Landeskonservatorium als Professor wirkende international renommierte Violinist Rudens Turku begann seinen Part mit den effektvollen Doppelgriffen und Arpeggien volltönig, gestaltete den lyrischen zweiten Satz mit kultiviertem Klang und steigerte sich am Schluss noch einmal in einem Kraftakt. Dennoch: Die Orchestereinwürfe gerieten unter Korstens leidenschaftlichem Dirigat fast eindringlicher als der Solopart, die Violine entfaltete nicht den wirklich großen Ton. Ob das an der Akustik liegt, ist schwer zu entscheiden.

Mit Tschaikowskys „Nussknackersuite“ gab es nach der Pause ein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk, wird doch das Märchen vom Kampf zwischen dem Nussknacker und dem Mäusekönig gerne um diese Zeit aufgeführt. Und hier blieben keine Wünsche offen. Auch ohne Ballett geriet jede einzelne Szene plastisch, frisch und farbig. Es seien hier nur der flockige, rhythmisch akzentuierte Streicherbeginn in der „Kleinen Ouverture“ mit dem tänzerisch-eleganten Einsatz der Holzbläser erwähnt, oder der kernige Marsch der Zinnsoldaten (mit kleinem Ausrutscher im Blech), der „Tanz der Zuckerfee“ mit der solistischen Celesta oder der „Blumenwalzer“, wo die Harfe in einer differenziert gestalteten Solokadenz brillierte. Es würde zu weit führen, hier alle Instrumentalsolisten zu nennen, die ihre Parts souverän bewältigten. In den Ohren breitete sich ein intensives Wohlgefühl aus, fast als wüchsen einem riesige Mäusekönigohren, um ja alle Klangfeinheiten aufnehmen zu können.

Romantische Konzertliteratur

Nach dem kammermusikalischen zweiten Abo-Konzert zeigte das Symphonieorchester Vorarlberg an diesem Abend eindrücklich, dass es auch die große romantische Konzertliteratur wunderschön und differenziert umsetzen kann. Einen großen Anteil daran hatte der langjährige ehemalige Chefdirigent Gérard Korsten, der „sein“ Orchester wieder einmal zu einem Höhenflug geführt hat.