Alfredo Barsuglia mit neuer Ausstellung im Bildraum Bodensee

Kultur / 03.12.2019 • 17:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Es sind Spuren auf Zeit, die Barsuglia hinterlässt. PETRA RAINER

Der Otto-Mauer-Preisträger macht in „Drawing into the void“ aus nichts alles.

Bregenz Es war ein Experiment, ein bisschen verwegen und den Versuch mehr als wert: Eine Ausstellung in drei Tagen, in einem performativen Arbeitsprozess vor Ort und für den Ort gemacht, ohne mitgebrachtes Material. Ein „Einzug ins Leere“, ein Arbeiten allein mit dem Vorhandenen. Genau so, „Drawing into the void“, nennt Alfredo Barsuglia seine Schau im Bildraum Bodensee. Der Künstler, der heute, Mittwoch, in Wien für sein vielschichtiges Werk den Otto-Mauer-Preis – eine der wichtigsten Auszeichnungen für österreichische Kunstschaffende unter 40 Jahren – entgegennimmt, hinterfragt aber auch das Medium Zeichnung im ursprünglichen Wortsinn als „Kennzeichnung“.

Von den unmittelbar mit der Zeichnung konnotierten Materialien Stift und Papier sieht Barsuglia aber völlig ab. Sein Blatt ist der Raum, er selbst wird mit seinem Körper, mit Speichel, Fussabdrücken und Kleidungsstücken zum Stift, der dem Raum Zeichen und Spuren einschreibt. Diese können so subtil sein, wie die an der Wand herabgelaufene, von diversen Getränken gefärbte Spucke des Künstlers, oder aber brachialer, wie die aufgerissene Wand. Aufmerksamen Leserinnen und Lesern des Wandtextes fallen einzelne Leerstellen darin auf. Wer aber würde die schwarzen Klebebuchstaben auf dem Boden, unter einem von der Decke herabhängenden Turm von schwarzen Sesseln, suchen, wo sie sich fast schon hinterlistig zum Wort „Erbsensuppe“ vereinen, das kein Titel, sondern ein Element der Arbeit ist, wie die blauen Kaffeebecher an den Sesselbeinen? In Bregenz arbeitete Barsuglia spielerisch-naiv erstmals in selbstauferlegter Beschränkung was Zeit, Ort und Material anbelangt, schließt aber nicht aus, dass es der Beginn einer neuen, wundervollen Reihe sein könnte – ohne Netz und doppelten Boden.

Während ein Teil des Fensters zum See mit silbernem Tape zugeklebt ist, bilden einige der ausgehängten Fensterflügel im stadtseitigen Raum, auf dem Boden aneinandergereiht, eine Abgrenzung. Dahinter, untermalt vom sanften Plätschern des hauseigenen Wasserhahns, zur Schau gestellt wie in einem Zoo oder einem Diorama, ein mit Rotwein an die Wand gemalter Ballon, darunter ausgebreitet ein schwarzer Pullover und Socken des Künstlers, neben der Schale einer vor Ort verspeisten Banane.

Die fragilen Skulpturen im kleinen Raum ohne Tageslicht entpuppen sich bei näherer Betrachtung als die nicht gebrauchten Lampen aus dem Beleuchtungssystem. Aufeinandergestapelt rückt ein „Form follows function“ in weite Ferne, bekommt stattdessen einen Twist in Richtung „Form follows form“, wenn Barsuglia den Dingen neue Bedeutung gibt, sie in komplexe, irritierende Geschichten und eine letztlich doch überraschend konventionelle Ausstellungsästhetik überführt. Im konzeptuellen Ansatz geht es nicht um das Kunstwerk selbst, sondern um ein Produzieren der Kunst willen. Der Mythos, alles neu erfinden zu müssen, wird entzaubert, es wird mit Ressourcen gehaushaltet und nüchterne soziale Aspekte des Künstlerdaseins kommen aufs Tapet: Was, wenn Barsuglia krank gewesen wäre an den drei Produktionstagen? Was bleibt für den Künstler von der Ausstellung, wenn es keine verkäufliche Ware gibt? Denn es sind Spuren auf Zeit, die Barsuglia hinterlässt. Von dem Happening-Raum-Experiment wird nichts bleiben, alles wird seiner ursprünglichen Verwendung zugeführt – die Lampen werden in der nächsten Ausstellung wieder von der Decke leuchten, in die Tassen kommt bald wieder Kaffee, die Stühle sind Mobiliar und der Pullover und die Socken spenden wieder Wärme.

Mehr von Alfredo Barsuglia, gemeinsam mit der Künstlergruppe Gelitin, gibt es ab Freitag im Kunstforum Montafon in Schruns zu sehen. Ariane Grabher

Die Ausstellung ist im Bildraum Bodensee, Seestraße 5, Bregenz, bis 11. Jänner 2020 geöffnet, Di und Do 13 bis 18 Uhr, Fr und Sa 11 bis 16 Uhr