Die Zukunft ist verloren und wir mit ihr

Kultur / 03.12.2019 • 22:19 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Das neueste Stück des Aktionstheaters feierte am Dienstagabend im Spielboden Dornbirn erfolgreiche Uraufführung. VN/Paulitsch
Das neueste Stück des Aktionstheaters feierte am Dienstagabend im Spielboden Dornbirn erfolgreiche Uraufführung. VN/Paulitsch

„Heile mich“ des Aktionstheaters ist ein Stück, das verstört, bewegt und zum Nachdenken anregt.

Dornbirn Nach 30 Jahren muss das Aktionstheater nicht mehr erklärt werden. Jeder Erklärungsversuch würde ihm nicht gerecht. Das Aktionstheater muss man erleben – in seiner eigenen, unverkennbaren und zutiefst menschlichen Art. Genau das gilt auch für „Heile mich“, das neueste Stück von Martin Gruber und aktionstheater ensemble, das am Dienstagabend im Spielboden Dornbirn seine erfolgreiche Uraufführung feierte.

Unsere Zeit – vermeintliche politische Heilsbringer sind an der Macht, unsere Gesellschaft ist geprägt von Ego-Manie, jeder weiß, wie er sich selbst darstellt und doch nie sich selbst ist. Mit unserer Zeit und dem, was sie aus uns gemacht hat, setzt sich das neueste Werk von Martin Gruber „Heile mich“ auseinander.

Leer und kaputt

Drei Frauen, Susanne, Isabella und Kristin erzählen von sich – banale Geschichte, so scheint es. Vom schönen David und seinen wunderschönen Augen berichtet Isabella (Isabella Jeschke). Seinen unglaublichen Charme kann Susanne (Susanne Brandt) nur bestätigen. Kirstin (Kirstin Schwab) würde auch gerne als Eichhörnchen bezeichnet werden. Und Isabella geht es nun besser, da sie nun endlich jemanden hat. Banalitäten, die die innere Leere, Verlorenheit und das Beschädigtsein der drei weiblichen Figuren, aber auch gleichsam der ganzen Gesellschaft und von jedem einzelnen freilegen.

Auf zwei kleinen Podesten stehen zwei Männer (Musiker Ernst Tiefenthaler und Emanuel Preuschl). Wie unbeteiligte Ausstellungsstücke oder Marionetten stehen sie da. Sie sind Objekt und Bedürfnisbefriediger zu gleich. „Schön anzuschauen sind sie“, heißt es von Kirstin und sie werden stets zu dem, was das Stück oder dessen Figuren gerade braucht. Leere Gefäße, die gefüllt werden. In ihren Augen flackert immer wieder Verzweiflung auf. Auch sie rufen stumm nach „Heile mich“. Musikalisch unterstützen und verstärken die legendären Dun Field Three die Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit, die von Minute zu Minute, auch durch die fast zombieartige Choreografie, im Stück stärker spürbar wird.

Die Suche nach dem Heilmittel

Susanne, Isabella und Kirstin – drei unterschiedliche Frauen, die die Sehnsucht nach Nähe, nach Empfinden und nach angenommen sein zusammenhält und doch nicht verbindet. Stück für Stück entblößen sie ihr Innerstes. Die vermeintlichen Heilmittel suchen sie in merkwürdigen Therapien, Reisen, Massagen, Lügen, politischen Aktivitäten und Pornos. Die Leere bleibt und wird zeitweise von leeren Floskeln à la „wir müssen das Gemeinsame vor das Trennende stellen“ übertüncht.

Gruber hält mit „Heile mich“ dem Publikum keinen Spiegel vor – sondern bringt jeden einzelnen von uns auf die Bühne. Wer sich in Susanne, Isabella und Kirstin nicht in Teilen wiedererkennt, hat seine Menschlichkeit bereits gänzlich verloren. Die Wahrheit ist nicht immer leicht zu ertragen und Gruber knallt sie einem in „Heile Mich“ oft unerwartet und erbarmungslos ins Gesicht. So sagt Isabella zu Susanne fast nebenbei „Ich weiß ja, dass du jemanden brauchst, damit du etwas fühlst“ – schon schlägt die Wahrheit wieder ein.

Susanne will wieder empfinden, sucht das Glück in Glückskeksen, Isabella will um ihrer selbst willen geliebt werden, Kirstin möchte sich angenommen wissen, so wie sie ist. Alle hadern mit ihrer Einsamkeit, doch kennen sie keinen Ausweg. Am Ende steht die Musik „I know the future is already gone. Fill my heart with stones”. Das Stück schließt mit unendlicher Hoffnungslosigkeit und lässt das Publikum in dieser zurück.

Es muss erlebt werden

Was Martin Gruber, das Aktionstheater Ensemble und die Dun Field Three am Dienstagabend im Spielboden wieder einmal in ihrer bereits zur Marke gewordenen Bühnenästhetik geschafft haben, ist, Theater zu zeigen, das verstört, bewegt, das zum Nachdenken anregt, Menschen zeigt, wie sie sind und nachwirken. Eine großartige Leistung des gesamten Ensembles. Das Stück muss man erleben – auch mehrfach.

Weitere Termine: 5., 6. und 7. Dezember, jeweils 20.30 Uhr. Karten: Spielboden Dornbirn, Ländleticket (Raiffeisenbanken, Sparkassen), Musikladen