Betteln ist ein Grundrecht

Kultur / 06.12.2019 • 18:39 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Pünktlich zum Beginn des Advent wurde im „profil“ eine Umfrage veröffentlicht, nach der sich 67 Prozent der Befragten für ein generelles Bettelverbot in den Städten aussprachen. Und prompt erklärte der Wiener Stadtrat (genauer: er ist „Sozialstadtrat“) Peter Hacker von den Sozialdemokraten, dass die Stadt Wien den Umgang mit der organisierten Bettelei verschärfen wolle. Wie man den organisierten vom nicht organisierten Bettler unterscheidet, das erklärte er nicht. Allerdings meinte er, dass es in Rumänien „Regionen gibt, wo ganze Dörfer auf Betteltour fahren. Das kann ich nicht akzeptieren.“

Wir mögen aber nicht hochmütig sein: In Vorarlberg ist man noch schärfer. Bei uns ist das Betteln schon seit Jahren auf vielen Plätzen in den Städten verboten. Vor kurzem erst hat der Verfassungsgerichtshof das Feldkircher Bettelverbot bestätigt. Allerdings: Ein absolutes Bettelverbot ist nach der Judikatur des Verfassungsgerichtshofs verfassungswidrig. Der Gesetzgeber kann niemandem verbieten, „an einem öffentlichen Ort andere Menschen um finanzielle Hilfe zur Linderung der eigenen Bedürftigkeit zu bitten“. Betteln ist also ein Grundrecht. Aber man kann Orte in Städten festlegen, wo die Bettler nicht ihrer Arbeit nachgehen dürfen. Man drängt sie also gesetzeskonform dorthin, wo möglichst wenig Menschen sind, die sie mit ihrer Bettelei „belästigen“. Und das in unserem reichen, sich noch immer christlich gebenden Land.

Dabei gibt es doch schon in der Bibel die wunderbare Stelle: „Du aber, wenn du Almosen gibst, dann soll deine Linke nicht wissen, was deine Rechte tut, damit dein Almosen im Verborgenen bleibe; und dein Vater, der ins Verborgene sieht, wird dir vergelten.“ (Mt 6, 3-4) Oder, noch deutlicher: „Verkaufet, was ihr habt, und gebt es als Almosen.“ (Lk 12, 33) Almosen zu geben wäre also durchaus nach den Worten der Bibel, Betteln zu verbieten hingegen nicht. Denn gleich an drei Stellen der Evangelien (Mk 10, 46; Lk 18, 35; Joh 9, 8) ist die Rede von einem Bettler, den man zu Jesus bringt und dem er hilft. Und überhaupt: Auch die Herbergssuche von Maria und Josef ist nichts anderes als betteln, betteln um einen Platz für die Niederkunft von Maria. Wir wissen: Die Suche war vergeblich, es blieb nur der Stall und die Krippe. So bleibt uns die Erkenntnis, dass wir in 2000 Jahren Christentum menschlich nichts dazugelernt haben.

„Auch die Herbergssuche von Maria und Josef ist nichts anderes als betteln, betteln um einen Platz für die Niederkunft von Maria.“

Walter Fink

walter.fink@vn.at

Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.