Das Unglück des Lebens lindern

Kultur / 06.12.2019 • 18:10 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Die ­VerunglücktenMatthias Bormuth, Bachmann, Johnson, Meinhof, Améry. Berenberg Verlag 2019, 247 Seiten

Die ­Verunglückten

Matthias Bormuth, Bachmann, Johnson, Meinhof, Améry. Berenberg Verlag 2019, 247 Seiten

Zwischen Psychopathologie, Zeitgeschichte und nackter Gewalt.

ESSAY Das Unglück des Lebens ist nicht zu überwinden, höchstens ästhetisch zu lindern. Das Ziel ist, wie es Sigmund Freud für die Psychoanalyse postuliert hat, nicht die Heilung, sondern die Wahrheit. „Es kommen härtere Tage“, heißt es bei Ingeborg Bachmann programmatisch. Matthias Bormuth, Medizin-
ethiker, Kulturwissenschafter und Ideengeschichtler mit Lehrstuhl in Oldenburg, zudem Vorsitzender der Karl-Jaspers-Gesellschaft, kümmert sich um psychopathologische und kulturphilosophische Einsichten aus dem Leben von vier ebenso markanten wie maßgeblichen Intellektuellen des 20. Jahrhunderts: Ingeborg Bachmann, die Dichterin, Uwe Johnson, der Schriftsteller, Jean Améry, der Essayist, Ulrike Meinhof, die Revolutionärin.

Allen vier gemeinsam ist das Leiden an der ungerechten Welt. Sie sind auf je höchst individuell-paradigmatische Weise, Parade-Intellektuelle: Menschen, die aufgrund ihrer sublimen Wahrnehmung die Welt als einen sinnvollen Kosmos erfassen (wollen) und dank ihrer Ausdrucksfähigkeit in allgemeingültiger Form zu ihr Stellung nehmen können – bis der Rest pures Unglück bzw. Schweigen oder nackte Gewalt ist. Der Philosoph Hegel, neben Platon/Sokrates einer der Urväter der Intellektuellen, hat eben diesen in der „Phänomenologie des Geistes“ als mit einem unglücklichen Bewusstsein Ausgezeichneten beschrieben, wie Matthias Bormuth aufzeigt. Hegels Großprojekt war, emotional und sozialpsychologisch gewendet, die Versöhnung. Das für die vier Protagonisten des Buches in der Gestalt des Nationalsozialismus, in der Gestalt von Auschwitz und als bürgerlich-konservativ-strukturelle Gewalt allgegenwärtige Übel in der Welt muss begriffen und mit dem Bösen versöhnt werden, muss, bzw. sollte; versöhnt, oder eben vernichtet (Meinhof).

Erlösung und Versöhnung: Das sind die Chiffren, um die Bormuth in einer Art Endlosschleife alle vier agieren lässt: der „andere Zustand“ als mystisch-ekstatisches Erlebnis; die Entrückung – „Ich bin der Welt abhandengekommen“. Die Suche nach der Lösung mündet in Alkohol, Drogen, Sex, Sucht, Verzweiflung, Depression, Gewalt, Terror. Die Verunglückten: Bachmann (1926-1973), Johnson (1934-1984), Améry (1912-1978), Meinhof (1934-1976) scheitern in und an der Welt, d. h. an Oberflächlichkeit, Feigheit, Verdrängung, Ressentiment, die ihnen von allen Seiten entgegenschlagen.

Matthias Bormuths Buch besticht durch seine Lesbarkeit, durch Spannung, Empathie und Überblick, obwohl er mit schwerem Geschütz auffährt. Simone Weil, Erich Auerbach, Virginia Woolf, Robert Musil, Elias Canetti, G. F. W. Hegel, Franz Kafka, Karl Jaspers: Das sind Lebens- und vor allem Denkwelten, um die Bormuth kreist, die ihn umkreisen. Es sind lauter mit dem Unglück des Lebens intim Vertraute. Von ihnen ist zu lernen. Von wem sonst!

Exemplarisch erweist sich das an Jean Améry, dem Sohn jüdischer Eltern aus Hohenems: Im Widerstand gegen die Nazis verhaftet und gefoltert, essayistisch brillant und schriftstellerisch erfolglos, beendet er als Gezeichneter und Überwältigter sein Leben in einem Salzburger Hotel durch Suizid. Améry symbolisiert die Minorität derer, die nicht mehr mitmachen wollen, ganz so wie Herman Melvilles unsterblich-frühvollendeter Bartleby: „I (would) prefer not to.“ Dem ist Respekt zu zollen. Denen, die daran erinnern, ebenso. PEN