Unfertig ist das neue Fertig

Kultur / 06.12.2019 • 18:39 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Die Vorarlberger Künstlerin ist bekannt für ihre konzeptuelle, häufig subversive Arbeitsweise. ag
Die Vorarlberger Künstlerin ist bekannt für ihre konzeptuelle, häufig subversive Arbeitsweise. ag

Maria Anwander macht im Magazin 4 die Ausstellung zum Modell der Ausstellung.

BREGENZ Das Ende kommt immer am Schluss. Das klingt nach Binsenweisheit, ist aber im Fall der Ausstellung von Maria Anwander im Magazin 4 tatsächlich so. Die Vorarlberger Künstlerin, die ein sehr erfolgreiches Ausstellungsjahr hinter sich hat und zuletzt Nominierte des Kardinal König Kunstpreises war, ist bekannt für ihre konzeptuelle, häufig subversive Arbeitsweise. In der aktuellen Schau übertrifft sie sich aber noch einmal selbst, indem sie den Entstehungsprozess der Ausstellung zum Thema, respektive zur Ausstellung, macht.

Riesen Post-its

„Work in progress“ heißt es folgerichtig im Magazin 4 und bringt mit dem Begriff des laufenden Werks zugleich eine Kategorie ins Spiel, die exemplarisch für Maria Anwanders Schaffen ist, wenn man Serien wie „My Most Favourite Art“ betrachtet, für die die Künstlerin während 15 Jahren 90 Werkschilder aus Museen und Galerien geklaut hat. 128 Fotos, Tendenz steigend, zählt die 2016 begonnene, jetzt erstmals präsentierte, mit Selbstauslöser geschossene Reihe „In the Studio“, die die Künstlerin sinnierend in ihrem Berliner Atelier abbildet. Markierungen an der Wand geben die Hängeordnung vor, doch im Gleichmaß der bereits gehängten Aufnahmen gibt es Leerstellen auf – die dazugehörigen Fotos warten gut sichtbar in Kartons aufs Aufhängen. Das könnte dauern und vielleicht kommen die restlichen Bilder gar nicht mehr an die Wand. Denn Maria Anwander wird die Ausstellung erst während der Ausstellung fortwährend weiterbauen und zur Finissage am 2. Februar das Werk zeigen. Derweil dienen von der Künstlerin selbst gelb bemalte Riesen-Post-its als Platzhalter für Arbeiten, die (vielleicht) noch kommen, wenn sie auf einen der XL-Haftzettel einfach nur „Video“ schreibt und Hocker und Kopfhörer schon bereit stehen. Dass die Post-its eigene Werke, sprich Zeichnungen mit Pigment und Grafit sind, versteht sich bei Maria Anwander von selbst.

Anarchie und Poesie

In diesem Vexierspiel zwischen Skizze und Werk bleibt vieles reizvoll imaginär. Die Ausstellung selbst oszilliert, analog zum Schmiermodell, das Anwander stets für Einzelausstellungen anfertigt, zwischen Modell, Ausstellung, und wieder Modell. Einmal mehr werden kunstbetriebsimmanente Strukturen unterwandert, hierarchische Mechanismen von Ausstellungswesen und Kunstmarkt ironisch analysiert. Fragen nach der Autorenschaft und nach Original und Kopie thematisiert die Künstlerin leichtfüßig en passant mit signierten Raumplänen. Dabei ist Maria Anwanders Art eine klug-charmante Mischung aus Anarchie und Poesie, die Plattitüden ausspart und den Betrachter ernst nimmt. Auch die Geschlechterpolitik innerhalb des Kunstbetriebs stößt ihr sauer auf, wird aber mit viel Humor und großer Leichtigkeit bearbeitet. Die Tatsache, dass die Kunstgeschichte vor allem auf die Künstler fokussiert und ihnen die Meisterwerke zuschreibt, während die Künstlerinnen „nur Arbeiten“ schaffen, bringt sie in „No Masterpieces only works“ aufs Tapet, das derzeit ebenfalls noch ein Post-it ist. Kunstikonen, wie John Baldessari, den sie übrigens toll findet, werden kurzerhand kastriert, wenn aus seiner Arbeit „Throwing Three Balls in the Air to get a straight Line“ Anwanders zweideutiges „Baldessari without Balls“ wird. „Ceci n‘est pas un aspirateur“ hieß eine frühere Staubsaugerarbeit von Maria Anwander, die Magrittes berühmtes Werk „Ceci n‘est pas une pipe“ zitierte. Bezogen auf die aktuelle Ausstellung könnte es im Magazin 4 lauten: „Ceci n‘est pas une exposition d‘art“. AG

Zur Person

Maria Anwander

Konzeptkünstlerin

Geboren 1980 in Bregenz

Ausbildung Akademie der bildenden Künste Wien (Medienkunst und Bildhauerei), Universität Wien (Theater-, Film- und Medienwissenschaften)

Laufbahn zahlreiche internationale Einzel- und Gruppenausstellungen, Lehrtätigkeit an der HBK Braunschweig im Rahmen des Dorothea-Erxleben-Stipendiums

Auszeichnungen: Kunstpreis des Landes Vorarlberg, Förderpreis der Klocker Stiftung u.a.

Wohnort Berlin und Bregenz

Die Ausstellung wird heute, Samstag, 7. Dezember, um 19 Uhr, im Magazin 4, Bergmannstraße 6, Bregenz, eröffnet. Geöffnet bis 2. Februar 2020