Jetzt sollte es ans Lesen gehen

Kultur / 10.12.2019 • 22:12 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Olga Tokarczuk und Peter Handke wurde streng nach Protokoll der Literaturnobelpreis verliehen.

Stockholm Der österreichische Schriftsteller Peter Handke besitzt nun offiziell seine Urkunde und seine Medaille, die ihn als Literaturnobelpreisträger 2019 ausweisen: Der 77-jährige Literat erhielt am frühen Dienstagabend gegen Ende der feierlichen Zeremonie im Stockholmer Konzerthaus die beiden Insignien aus den Händen des schwedischen Königs Carl XVI. Gustaf. Vor Handkes großem Moment waren zuerst die Ehrungen für Physik, Chemie und Medizin vergeben worden, bevor zunächst seine polnische Kollegin Olga Tokarczuk mit dem Literaturnobelpreis für das Jahr 2018 bedacht wurde. Sie ist nur eine von drei Frauen (neben Wirtschaftsnobelpreisträgerin Esther Duflo und Medizin-Laudatorin Anna Wedell), die beim Zeremoniell eine Rolle spielen – eine Frauenquote von bloß rund 15 Prozent. Dafür gibt es bei der Preisüberreichung an die polnische Autorin das einzige Mal einen Jauchzer aus dem Auditorium – und anschließend besonders warmen Applaus.

„Ich bin stolz, die 15. Frau zu sein, die den Nobelpreis erhält. Ich bin davon überzeugt, dass ich ihn nicht bekomme, weil ich eine Frau bin, sondern weil ich Bücher schreibe“, sagte Tokarczuk im Vorfeld der Verleihung. Ihre Auszeichnung widme sie dem Kampf gegen autoritäre Entwicklungen. „Meine spontane Reaktion ist gewesen, diesen Preis der politischen Bewegung in Polen zu widmen“, sagte sie. „Wir sind eine gespaltene Gesellschaft“, sagte sie über ihr Heimatland.

Zu Klängen von Mozart

Nach ihr ist Anders Olsson, der Vorsitzende des Nobelkomitees der Schwedischen Akademie, mit seiner Laudatio auf Handke dran. Er lässt die Debatte um die Auszeichnung für Handke unerwähnt. Er erinnert an den legendären Auftritt des Schriftstellers vor der Gruppe 47 im Jahr 1966, als er die „Beschreibungsimpotenz“ der Kollegen geißelte, und geht kurz auf die Werke „Mein Jahr in der Niemandsbucht“, „Die Wiederholung“, „Wunschloses Unglück“, „Langsame Heimkehr“ und „Die Obstdiebin“ ein. „Peter Handke hat gesagt, dass nur die Klassiker ihn gerettet und bewahrt haben. Olsson lobte die „bahnbrechende Meisterschaft der Sprache“ eines Autors, der oftmals die Konformität unserer Zeit verweigere. „Er schildert nicht die Metropole, er schildert die Peripherie“, so der Laudator: „Sein Blick ist seine Sprache, er bleibt empfänglich in allem.“ Seine Gesinnung sei antinational, müsse er doch mit dem kulturellen Erbe umgehen, dass seine Heimat Österreich einst von der Nazis besetzt wurde. Mit drei Verbeugungen – in Richtung König, den Mitgliedern der Akademie und Publikum – quittierte Handke traditionsgemäß die Gabe aus den royalen Händen. Danach gab es einen „Liebesgruß“ in Form von Edward Elgars gleichnamigem, beliebten Musikstück, intoniert vom Royal Stockholm Philharmonic Orchestra unter David Björkman. Eingezogen war Handke mit den übrigen 13 Nobelpreisträgern zu den Klängen von Mozarts Marsch in D-Dur.

Es sollte nun ans Lesen gehen. Doch nicht unter den 1560 geladenen Gästen befanden sich die Botschafter des Kosovos, Albaniens, Kroatiens und der Türkei. Deren Regierungen hatten gegen die Verleihung an Handke protestiert. In der Nähe des Konzerthauses gab es Proteste gegen die Würdigung. Bosnische Kriegsopferverbände demonstrierten. Auf einem unweit gelegenen Platz war für 18 Uhr eine Anti-Handke-Demonstration angesagt. Zwischen 200 und 300 Menschen waren gekommen.

„Er schildert nicht die Metropole, er schildert die Peripherie. Seine Gesinnung ist antinational.“

„Die Auszeichnung widme ich dem Kampf gegen autoritäre Entwicklungen.“

Olga Tokarczuk und Peter Handke bei der Verleihung im royalen Rahmen. afp
Olga Tokarczuk und Peter Handke bei der Verleihung im royalen Rahmen. afp