Oper mit Komik, aber ohne Klamauk

Kultur / 10.12.2019 • 21:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Szene aus der Neuinszenierung von „Don Pasquale“ am Zürcher Opernhaus. OPER/RITTERSHAUS

Hier ist ein Donizetti-Spaß jenseits abgenudelter Klischees geraten.

ZÜRICH  Will auf der Bühne ein alter Geizkragen eine junge Frau heiraten, geht das schief. Denn so ticken sie nun mal, die Gesetze der Commedia dell’arte. Auch im Falle des 1843 uraufgeführten Dreiakters „Don Pasquale“ des italienischen Opernkomponisten Gaetano Donizetti. Der „Hausarzt“ von Don Pasquale verkuppelt diesen hier just mit der als züchtige Nonnenkonvents-Schülerin verkleideten lebenslustigen Frau, die zu heiraten der alte Knacker seinem Neffen Ernesto untersagt hat.

Komisch? Ja, freilich. So anarchisch-brutal funktionieren eben unsere Lachreflexe. Aber wie wäre es, wenn, zumal beim Romantiker Donizetti, Don Pasquale auch eine verwundbare Seele hätte? Ja, wenn überhaupt das Ganze nicht bloß ein harmloser Schwank wäre? Dem Regisseur Christof Loy gelingt am Opernhaus Zürich das Kunststück, in den von Bühnenbildner Johannes Leiacker ersonnenen eleganten Räumen und in jetztzeitlichen noblen Kostümen von Barbara Drosihn fühlende Menschen aus Fleisch und Blut, samt ihren Doppelbödigkeiten, auf die Bühne zu bringen und dabei doch die Gesetze der Buffa-Mechanik keineswegs zu verleugnen. Der ungemein starke Sängerdarsteller Johannes Martin Kränzle in der Titelrolle vermag mit seinem hell-warm timbrierten und präzis geführten Bariton und mit seiner agilen Körpersprache und Mimik auch zarte Regungen zu vermitteln und selbst schrullige bis pathologisch-bizarre Seelendimensionen aufzureißen. Und Kränzle ist gleichzeitig ein Komödiant, der die genretypischen Späße schauspielerisch und musikalisch herrlich pointensicher und  konturenklar über die Rampe bringt.

Verwandlungskunst

Die Sopranistin Julie Fuchs gibt mit gleichfalls entwaffnender Spiel-Verve und mit bravourösem Gesang die junge Witwe Norina als eine männerverschlingende Verwandlungskünstlerin, die vor Don Pasquale zuerst ein rehscheues Wesen mimt, um dann, kaum ist die Scheinehe vollzogen, dem Nicht-mehr-Herrn im Hause die Ehehölle auf Erden zu bescheren. Mingjie Lei in der Rolle des Ernesto begeistert mit seiner phänomenalen tenoralen Legato -und Phrasierungskunst. Mit Konstantin Sushakov ist der grausam intrigierende „Dottore“ Malatesta perfekt besetzt, und auch der von Ernst Raffelsberger einstudierte Chor überzeugt.

Das Mitleid, das Norina zeigt, nachdem sie  Don Pasquale eine Ohrfeige verabreicht hat, passt (noch) in dieses Regiekonzept. Indem sich die beiden dann später, kurz bevor das Ehe-Experiment abgebrochen wird und diejenigen zusammenkommen, die zusammenkommen wollen, in einer traumartigen Sequenz sogar in den Armen liegen, überspannt Christof Loy allerdings den Bogen der Gattung, in der dieses „dramma buffo“ beheimatet ist.

Mit Enrique Mazzola dirigiert ein ausgewiesener Fachmann im Belcanto-Fach. Das wird hörbar auch daran, wie die Philharmonia Zürich vital durchpulste, schlanke, farbenfrohe Klänge aus dem Orchestergraben entsendet. Torbjörn Bergflödt

In dieser Saison noch bis 9. Januar (Dauer: zweieinhalb Std.). In der Titelrolle am 15.12., 29.12., 1.1. und 4.1.: Dimitris Tiliakos. www.opernhaus.ch