Wie entstand die Bibel?

Kultur / 13.12.2019 • 20:48 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Wenn auch der Einfluss der Religion selbst an Weihnachten immer weiter in den Hintergrund tritt, so finden sich doch nach wie vor Menschen, die an diesen Tagen die Bibel in die Hand nehmen und beispielsweise aus dem Lukas-Evangelium die Weihnachtsgeschichte (vor)lesen. Das hat Tradition. Wie auch die Bibel Tradition hat. Wie aber ist dieses Sammelwerk, das Texte aus mehr als tausend Jahren vereinigt, entstanden, wie ist die Bibel zum „Buch der Bücher“ geworden? Und das, obwohl sie kein zusammenhängendes Buch ist? Wen solche Fragen interessieren, dem sei das vor Kurzem erschienene Buch „Die Entstehung der Bibel“ von Konrad Schmid und Jens Schröter (Verlag C.H. Beck) heftigst empfohlen. Noch nie habe ich eine so spannende, bis ins Detail belegte und dennoch leicht zu lesende Abhandlung über die Bibel gelesen. Die beiden Autoren haben „das Mammutprojekt bewältigt, eine sehr lesenswerte und systematische Geschichte der Entstehung der Bibel zu schreiben“ (Helmut Zander in der „Neuen Zürcher Zeitung“).

Konrad Schmid ist ein reformierter Schweizer Theologe und Professor für Altes Testament an der Universität Zürich, Jens Schröter evangelischer Theologe und Professor für Neues Testament an der Universität Berlin. Sie haben die Entstehungsgeschichte der Bibel nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen zusammengefasst – und sind zu erstaunlichen Ergebnissen gekommen. So manche der bisher fest in unserem Gedächtnis geschriebenen Ereignisse müssen wir neu sehen, manche überhaupt vergessen. So gelten der berühmte Auszug aus Ägypten oder – noch bekannter, weil in vielen Vergleichen gebraucht – der Tempelbau unter König Salomo nicht mehr als historisch belegt. Die Forschung der letzten Jahrzehnte hat viele gängige Annahmen über die Geschichte Israels und die Entstehung der Bibel revidiert.

Allein die Entstehungsgeschichte des Neuen Testaments ist spannend wie ein Kriminalroman – nur manchmal nicht so einleuchtend. Denn so manches, was wir als verbindlich in der Bibel sehen, ist auch Zufall, ist zum Teil nicht religiösen Überlegungen geschuldet. So ist es mehr oder weniger Zufall, dass wir die vier bekannten Evangelien (alle in der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts entstanden) in der Bibel finden, es hätten durchaus auch andere Aufnahme finden können. Es gibt auch die apokryphen (dunklen, verborgenen) Evangelien etwa des Thomas oder des Petrus, ebenso das „Evangelium nach Maria“, die keine Aufnahme in die Schrift fanden. Warum wir diese Evangelien nicht finden, kann man in der „Entstehung der Bibel“ lesen. Höchst interessant.

„Die Forschung der letzten Jahrzehnte hat viele gängige Annahmen über die Geschichte Israels und die Entstehung der Bibel revidiert.“

Walter Fink

walter.fink@vn.at

Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.