Eine starke Sicht auf die Welt

Kultur / 16.12.2019 • 21:34 Uhr / 5 Minuten Lesezeit

Lindau grüßt Bregenz und will mit Stephan Huber auf die internationale Kunstlandkarte.

Lindau Wer die Biennale in Venedig schon besuchte, als der legendäre Kurator Harald Szeeman begann, sie auch über das Schiffsarsenal auszubreiten, wer es schon vor einiger Zeit schaffte, die nur alle fünf Jahre stattfindende Weltkunstschau documenta in Kassel nicht zu versäumen, der ist dem Werk des deutschen Künstlers Stephan Huber mit Sicherheit begegnet. Nachdem er erst jüngst den Gestaltungswettbewerb für die große U-Bahn-Station in Aspern gewonnen hatte, kommen ihm zahlreiche Wiener ohnehin nicht aus. Und das ist auch gut so, er produziert nicht nur Kunst auf der Höhe der Zeit, er vermittelt dabei auch viel historisches Wissen. Stephan Huber (geb. 1952) ist unweit der Grenze zu Vorarlberg, nämlich in Lindenberg, geboren, und spielt, wenn man so will, auf der Kunstweltkarte eine Rolle.

Auf dieser will sich nun auch die an sich beschauliche Inselstadt Lindau etablieren. Sommer für Sommer gelang es, mit einzelnen Blockbuster-Ausstellungen zuerst über 50.000 und zuletzt – bei verlängerten Laufzeiten – über 80.000 Besucher anzulocken. Heuer verließ man sich dabei nicht auf die bekanntesten Persönlichkeiten der klassischen Moderne, deren Arbeiten auch nicht so kunstaffine Menschen von zahlreichen Reproduktionen kennen; nach Picasso, Chagall, Matisse, Klee und wie sie alle heißen, setzte man auf den Österreicher Friedensreich Hundertwasser und erwies sich mit dem Künstler, Architekten und Umwelt-Guru sogar als noch anziehender. Das im Umbau befindliche historische Haus zum Cavazzen hat dabei niemand vermisst, das adaptierte Postgebäude unweit des Bahnhofs entpuppte sich nicht nur als attraktive Alternative, es ist auch in den Wintermonaten gut bespielbar. Und diesen Umstand versteht man nun zu nützen.

Subtil überhöht

Mit Stephan Huber setzte man auf einen Lokalmatador, der bereits seit Jahrzehnten von der Region in die Welt hinauszog und dem eisigen Wind, der einem in der Kunstszene mitunter entgegenweht, widerstehen konnte. Seine Bergskulpturen aus Gips, in deren Mitte er auch einmal das eigene Heimathaus als isoliertes Gebäude platzierte, haben etwas Erhabenes, erzeugen aber auch ein leichtes Gruseln. Die Natur ist immer stärker, und wer sich nicht als Kartograf betätigt, sondern sie derart subtil zu überhöhen versteht, macht dies umso deutlicher. Ähnlich verfährt Huber auch dann, wenn er wirklich Landkarten schafft. Man kann auf einem dieser Prachtexemplare zwar sofort den Bodensee ausmachen, stellt aber sofort fest, dass sich Huber da seine eigene Welt entworfen hat. So wie er auf der Wien-Karte in Aspern mit einigen Umschreibungen oder Bildern auf Personen, die die Gesellschaft verändert haben, verweist – darunter etwa auch auf Frauen, die sich durchgekämpft haben –, erfahren wir nun auch, was im Allgäu oder im Bodensee abging.

Architekturland Vorarlberg

Magdalena Weiss, die sich in der patriarchalischen Welt der Brauereien durchsetzte, ist ihm einmal ebenso eine Erwähnung wert wie die Malerin Angelika Kauffmann. Mit dem Architekturland Vorarlberg hat sich Stephan Huber intensiv auseinandergesetzt. Die Baumschlager/Eberle-Bauten werden ebenso zitiert wie jene von Peter Zumthor, der sogar dazu beigetragen haben soll, dass Bregenz Kunsthaus-City heißen darf. Keine Frage, dass Stephan Huber die Stätten des Grauens nicht auslässt. Sie zeigen sich überall. Auf weiteren Weltkarten und auf einem Globus.

Genauso wie in seinen düsteren Kasperl-Filmen findet der Künstler einen Weg, um nicht allzu didaktisch aufzuzeigen, was uns beschäftigen soll. Stephan Huber ist ein hervorragender Erzähler, der mit wenigen Worten und einer Menge von bestens gewählten und damit nicht überbordenden Bildern ungemein Spannendes darbietet.

„Es gibt nichts in meinem Werk, das nicht irgendwie an meine Biografie geknüpft ist.“

Karten, Bergskulpturen und Filme von Stephan Huber sind in Lindau zu sehen. Flemming

Karten, Bergskulpturen und Filme von Stephan Huber sind in Lindau zu sehen. Flemming

Karten, Bergskulpturen und Filme von Stephan Huber in Lindau. Flemming
Karten, Bergskulpturen und Filme von Stephan Huber in Lindau. Flemming

Zur Person

Stephan Huber

Geboren 1952 in Lindenberg

Ausbildung Akademie der bildenden Künste in München

Tätigkeit Freischaffender Künstler, Professor für Bildhauerei

Ausstellungen Biennale Venedig, documenta Kassel, Kunsthalle Wien, Hamburger Kunsthalle, MMK Frankfurt etc., Arbeiten im öffentlichen Raum u. a. am U-Bahnhof Aspern in Wien

Wohnort München und Bidingen

Geöffnet bis 2. Februar im Kunstmuseum am Inselbahnhof Lindau, Mi bis So von 11 bis 17 Uhr, 24., 25. Dezember und 1. Jänner geschlossen: www.kultur-lindau.de