Tschechow landet hier in der Reha-Klinik

Kultur / 16.12.2019 • 20:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
„Der Kirschgarten“ von Tschechow wurde 1904 uraufgeführt, in Zürich adaptiert und thematisiert gesellschaftliche Umwälzungen. SCHAUSPIELHAUS/AUBRY

Regisseurin Yana Ross hat Tschechows letztes Stück rabiat überschrieben und aufdatiert.

ZÜRICH Freilich hat auch dieses wunderbare Stück, reich an zeitlosen Gedanken und Motiven, Jahrringe angesetzt. „Der Kirschgarten“, 1904 uraufgeführt, handelt ja unter anderem davon, wie das titelgebende Grundstück einer bankrotten russischen Großgrundbesitzer-Familie zwangsversteigert wird. Der nutzlos-schöne Garten steht symbolisch für den Niedergang des Adels und soll den Datschen aufstrebender großstädtischer Sommerfrischler weichen.

Yana Ross hat sich darauf spezialisiert, Theaterklassiker zu überschreiben, und zeigt jetzt auf der Pfauenbühne des Zürcher Schauspielhauses ihre Lesart „frei nach Anton Tschechow“. So lässt die Regisseurin den Vierakter in einer privaten Reha-Klinik spielen. In vorproduzierten Videos und live auf der Bühne von Justyna Elminowska gibt Gottfried Breitfuss überzeugend den Psychiater „Doktor Firs“, der die soeben aus Paris zurückgekehrte schwer gemütskranke Ljuba aufzurichten versucht und für die Therapie auch noch den seelisch instabilen bis kauzigen erweiterten Familienkreis der Polin einbezieht. Ein plausibler Aufhänger, indem uns schon Tschechows Vorlage viele labile Gestalten zeigt. Der Kirschgarten ist in dieser aufdatierten Stück-Version im Milieu von Expats im Raum Zürich schon vor Jahren an den Geschäftsmann Heinz (Thomas Wodianka) verkauft worden, was man der einstigen Besitzerin, die einen Selbstmordversuch hinter sich hat, nun möglichst schonend beibringen will.

Übertreibungen

Einbußen ergeben sich durch Übertreibungen. Schon dass Danuta Stenkas Ljuba – Deutsch, Englisch und Polnisch sprechend und entstanden aus Tschechows Gutsbesitzerin Ranjewskaja – die Extreme von der ausgeflippt zuckenden Bewegungschoreografie bis hin zum hochdepressiven Zeitlupen-Sprechakt vordemonstriert, führt das an sich bravouröse Spiel gefährlich nahe an eine selbstzweckhafte Virtuosität heran. Michael Neuenschwander in der Rolle von Ljubas Schwager Leo zeigt auch einen grotesk intimen Pas de deux mit einem Schuh. Wiebke Mollenhauer als Tochter Anja lebt ihren seelischen Frust in einer Plexiglas-Box, wie in einem Käfig, rekordtheatralisch aus. Wiederholt spritzt Wasser hoch aus einem Pool. Es wird gebrüllt und gekotzt. Und plötzlich fallen Ljuba und ihr Lover Karl (Milian Zerzawy) gierig übereinander her.

Einiges ist freilich raffiniert ersonnen worden. Und wer mit den originalen Figuren vertraut ist, vermag diese in dem Gesellschaftspanorama wiederzuerkennen – auch Trofimow im Studenten Peter von Steven Sowah und Warja in der Adoptivtochter Babs von Lena Schwarz. Gefühle werden aber mitunter mehr behauptet als eingelöst. Der ertrunkene Sohn (Vincent Basse) muss als Untoter umhergeistern. Und: Resultiert ein nennenswerter Mehrwert daraus, dass damals, als das traurige Ereignis geschah, Peter mit Ljuba geschlafen haben soll, sodass der Todesfall sich überhaupt erst ereignen konnte? Definitiv gilt diese Frage für den herbeikonstruierten jüdischen Background bei der Hauptfigur, die am Ende wieder vor sich selbst flüchtet und abreist. Torbjörn Bergflödt

Weitere Aufführungen am Schauspielhaus Zürich bis 30. Jänner: www.schauspielhaus.ch