„Es braucht die Ganztagsschule“

Kultur / 21.12.2019 • 18:00 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Intendantin Elisabeth Sobotka bietet im Sommer 2020 neben dem „Rigoletto“ auf dem See und „Nero“ im Haus ein enorm umfangreiches Programm an. <span class="copyright">VN/Paulitsch</span>
Intendantin Elisabeth Sobotka bietet im Sommer 2020 neben dem „Rigoletto“ auf dem See und „Nero“ im Haus ein enorm umfangreiches Programm an. VN/Paulitsch

Musik ist in der Schule zu verankern, betont die Festspielleiterin im Gespräch über ihren vielfältigen Spielplan.

Christa Dietrich

Bregenz Uraufführungen gehören schon seit einigen Jahren zum Programm der Bregenzer Festspiele. Unter Elisabeth Sobotka, die das Unternehmen seit 2015 leitet, hat sich ein breites Angebot rund um das Stück auf dem See etabliert.

Gerade weil die Bregenzer ab und zu fälschlicherweise als Seefestspiele tituliert werden, möchte ich mit Alexander Moosbrugger beginnen. Er zählt zu den Komponisten, deren Werke sich nur Insidern erschließen. Das ist einerseits eine Auszeichnung. Was hat Sie sicher gemacht, dass er der richtige Künstler ist?

Der Grundgedanke des Opernateliers ist es, den Leuten das nahezubringen, was sich nicht beim ersten Hören erschließt. Moosbrugger zeichnet aus, dass er über die Funktion von Musik nachdenkt. Das prädestiniert ihn für dieses Projekt. Es ist ein Weg, auf den man sich einlässt, bei dem man ein Ziel vor Augen hat, das man nicht klar definieren kann.

Zeichnet sich international Interesse an seiner Oper „Wind“ ab?

Ja. Ich war mit der Künstlerin Flaka Haliti bei einer Ausstellungseröffnung. Sie war fast ein bisschen indigniert, weil sie so viel Interesse für die Ausstattungsarbeit an dieser Oper verspürt. Auch mit dem Orgelbauer Wendelin Eberle gibt es eine unglaublich gute Zusammenarbeit.

Mir ist aufgefallen, dass die Uraufführungsserie fortgesetzt wird. Ein Werk von Brigitte Muntendorf soll 2021 realisiert werden. Können Sie das bestätigen?

Ja, Muntendorf ist komplett genresprengend, sie war schon irritiert, als ich sagte, ich möchte schon eine Oper. Es gibt ein Projekt, an dem wir arbeiten.

Kunst finanziert Kunst soll in Bregenz ein Schlagwort sein. Das heißt, dass die Produktion auf dem See gut laufen muss. Inwieweit ist das auch belastend?

Ich würde nicht Belastung sagen. Das Positive ist, dass ich insofern unabhängig bin, als ich niemandem Rechenschaft abgeben muss, wofür ich das Geld ausgebe. Natürlich ist das Planungsziel, dass der See möglichst gut funktioniert, weil dann andere Projekte möglich sind. Man kann aber auch relativ schnell reagieren. Wenn es auf dem See klappt, kann man sich Freiheiten erarbeiten. An Theaterhäusern sind die Strukturen oft viel enger. Es wäre aber auch furchtbar, wenn wir immer wüssten, was funktionieren wird. Dann wäre Theater nicht mehr spannend. Dass „Rigoletto“ so gut funktioniert, war für mich nicht unbedingt klar.

Wie kommen Sie damit zurecht, dass die Indexanpassung nicht erfolgt?

Ich fürchte, sie wird weiter ausbleiben. Vor der letzten Anpassung gab es 17 Jahre lang keine. Wichtig ist für uns, dass wir unser Geld für Kunst ausgeben können, weil die Betriebskosten mit den Subventionen gedeckt sind.

Begrüßen Sie die Stärkung der Kultur durch ein eigenes Ministerium oder spielt es für Sie keine Rolle, wenn die Kunst wieder dem Bundeskanzleramt angegliedert wird?

Es ist gut, wenn die Kunst nah am Regierungschef verankert ist, aber ein eigenes Ministerium zu haben, wäre ein Statement für die hohe Bedeutung. Was ich sehr schätze, ist, dass wir mit der Stadt Bregenz und dem Land Vorarlberg zwei starke Verbündete haben.

Sprechtheater wollten Sie erst berücksichtigen, wenn sich Kontinuität abzeichnet. Dürfen wir beim Deutschen Theater Berlin davon ausgehen?

Es ist sehr gut, das Sprechtheater längerfristig mit einem Theaterunternehmen zu machen. So lange Ulrich Khuon noch Intendant ist, möchte ich gerne mit ihm weitermachen. Das Schauspiel sehe ich als fixen Bestandteil.

Bei Arrigo Boitos „Mefistofele“ in Stuttgart dachte ich mir, dass man das Werk nur umsetzen kann, wenn man einen sehr guten Chor hat. Gilt das auch für „Nero“, seine Oper, die Sie 2020 im Programm haben?

Wir haben mehr Chormitglieder engagiert als sonst, damit es wirklich gut klingt. Ich gehe immer mit einem Wunsch und einer Idee in das Gespräch mit Künstlern. Viele, die, so wie ich, diese Zeit der italienischen Oper studiert haben oder sich mit großen Dirigenten und Tenören beschäftigen, landen bei diesem Stück. So war es auch im Gespräch mit Olivier Tambosi.

In „Impresario Dotcom“ wird der Opernbetrieb bekrittelt. War das ausschlaggebend für die Wahl?

Es handelt sich um ein Auftragswerk an Lubica Cekovska. Sie ist eine sprühende Person. Eine heitere Oper ist noch einmal eine Herausforderung, man muss die Balance zwischen Leichtigkeit und Schwere gut einfangen.

Es gibt kritische Aussagen zum Sängernachwuchs in Europa. Sie haben das Opernstudio eingerichtet. Wie beurteilen Sie die Lage?

Bei den letzten Wettbewerben ist mir ein Überwiegen der Soprane aufgefallen, tiefere Stimmen werden seltener. Ich glaube nicht, dass man es verallgemeinern kann, es ist immer ein Auf und Ab. Was mich verblüfft hat, sind sehr gut ausgebildete Sänger aus dem asiatischen Raum.

Haben unsere Unis nachzuschärfen?

Nachzuschärfen ist die Bedeutung der klassischen Musik in unserer Gesellschaft. Ein Instrument zu lernen oder zu singen, ist nicht mehr selbstverständlich. Es wird alles geliefert. Man kann sich mit Musik umgeben, ohne jemals eine Note gespielt zu haben. Miteinander musizieren muss unbedingt ein Fach in der Schule sein. Das ist nicht an interessierte Eltern auszulagern. Es gibt hier ein sehr gutes Musikschulsystem. Aber das reicht nicht, Musik ist in der Schule zu verankern. Und ich sage es immer wieder, es braucht die Ganztagsschule.

Was war ausschlaggebend für „Siegfried“ im Konzertprogramm?

Ich werde manchmal gefragt, was hier fehlt. Für einen Opernnarren wie mich ist das Wagner. Ich finde ihn weder für draußen noch für die Oper drinnen richtig. Zu den Stücken, die mich vollkommen von den Socken hauten, zählte der dritte Akt von „Siegfried“. Dirigentin Karina Canellakis hat sofort Ja gesagt.

Sie haben nun den Vertrag bis 2024 unterschrieben. In welche Richtung denken Sie nach Puccinis „Butterfly“ 21/22 auf dem See?

Auf jeden Fall an ein Stück, das noch nie auf dem See gespielt wurde.