Orgeln wie kostbare Leuchttürme

Kultur / 21.12.2019 • 17:30 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Am 28. Dezember, 20.15 Uhr, spielt Bruno Oberhammer an der Bergöntzle-Orgel in Tschagguns. Bubenik, Todorovic

Auch nach 200 Jahren ist der Elsässer Joseph Bergöntzle durch seine Klangdenkmäler in Vorarlberg präsent.

BLUDESCH, Tschagguns Es liest sich wie ein Krimi aus den Anfängen des barocken Orgelbaus im Land. Da erstellt ein bislang unbekannter Meister vor 1800 irgendwo im Elsass eine Kirchenorgel, ein anderer transportiert das Instrument zerlegt unter unsäglichen Mühen per Pferdekarren nach Vorarlberg und baut es hier 1803 in der Bludescher Kirche wieder zusammen. Das war der Elsässer Joseph Bergöntzle (1754-1819), dem diese Orgel seither zugeschrieben wird. Einfach deshalb, weil Historiker den eigentlichen Erbauer bis heute nicht sicher ermitteln, aber aufgrund der stilistischen Eigenheiten des Instruments auf die Straßburger Silbermann-Schule schließen konnten. Bergöntzles 200. Todesjahr bietet Anlass, sich des Lebens und der weiteren erhaltenen Klangdenkmäler dieses bemerkenswerten Orgelbaumeisters in Vorarlberg zu erinnern.

Es liegt also bis heute so etwas wie ein geheimnisvoller Schleier über der historischen Orgel in der St. Jakobskirche von Bludesch. Vielleicht deshalb ist es auch jenes Instrument, das im Volk am engsten mit dem Namen von Joseph Bergöntzle verknüpft ist, auch wenn sein eigenes imposantes Hauptwerk in der Wallfahrtskirche von Tschagguns steht. Zur heutigen Popularität und dem Ruf der Bludescher Orgel wesentlich beigetragen hat eine jährliche Konzertreihe, die der Höchster Organist und Musikwissenschaftler Bruno Oberhammer aufgezogen hat.

Joseph Bergöntzle kam im elsässischen Ammerschwihr zur Welt. Er war wohl Schüler seines Vaters, der wiederum in einem Naheverhältnis zur Straßburger Orgelbau-Dynastie Silbermann groß geworden war. Dank seiner Ausbildung in Paris brachte Andreas Silbermann (1678-1734) starke französische Akzente in den elsässischen Orgelbau.

Joseph Bergöntzle verlagerte seinen Arbeitsschwerpunkt immer weiter nach Mitteleuropa. So lassen sich Arbeiten von ihm in der ehemaligen Klosterkirche Gnadenthal und dann auch in Vorarlberg belegen. Hier sind es die Pfarrkirchen von Schlins (1799), Au (1800), Thüringen (1805) und Tschagguns (1816), in denen Bergöntzle Orgeln errichtet hat. Mit seinen Arbeiten markierte Bergöntzle den Beginn einer aufbrechenden Welle von Orgelbauten im Land. Man entdeckte damals dieses Instrument mit seinen imposanten klanglichen Möglichkeiten als schicke Novität. Freilich waren Fachleute gefragt, die dieses seltene Handwerk beherrschten und einander oft sogar im Erfinden möglichst ausgefallener Register und damit origineller Klangkombinationen sowie spieltechnischer Finessen zu übertreffen suchten. Unter diesen wenigen Orgelbauern war Joseph Bergöntzle nun nicht irgendeiner, sondern der absolute Meister mit einem Fachwissen, das Orgelkundige bis heute verblüfft.

Handwerk im besten Sinne

Während die Orgeln in späterer Zeit oft mit pneumatischer oder elektrischer Spieltraktur ausgestattet waren, kannte man in der Barockzeit nur die rein mechanisch funktionierenden Instrumente, und das Orgelbauen galt damals wirklich noch als Handwerk im besten Sinne. Die Übertragung des Anschlagsimpulses auf der Taste bis zum Öffnen des entsprechenden Pfeifenventils erfolgte ausschließlich durch ein kompliziertes System von Holzverbindungen mit Gelenken, auch die aus Metall und Holz angefertigten Pfeifen mussten selbst hergestellt werden.

Allerdings weisen seine Orgeln in den Pfarrkirchen von Schlins, Thüringen und Au im Bregenzerwald infolge späterer unbedachter Umbauten heute oft nur mehr Spuren des Originals auf. Und wie bei der Bergöntzle-Orgel in Tschagguns waren auch bei jener in Au von Anfang an immer wieder Reparaturarbeiten nötig, um die Funktionstüchtigkeit des Instruments aufrecht zu erhalten. In Au etwa wurden gegen Ende des 19. Jahrhunderts aber auch substanziell gewichtige Arbeiten vorgenommen, die von einem wenig respektvollen Umgang mit historischen Gütern zeugen. Um 1870 erfolgten eine „Romantisierung“ mit teilweisem Austausch des bestehenden Registerbestands durch Johann Nepomuk Kiene und um 1890 Veränderungen in der Pfeifenintonation und der Einbau von Kollektivtritten durch Anton Behmann.

In den 1980er-Jahren unternahm die Feldkircher Firma Martin Pflüger in Au eine Restaurierung und Renovation des damaligen Bestands, bewusst also keine Rückführung auf den Ursprungszustand. Eine weitere Ausreinigung mit Verbesserungsarbeiten in der Pfeifenansprache und der Windversorgung erfolgte 2017 durch Walter Vonbank, was man im spannenden Miteinander aus Original und Bearbeitung in der Diktion Bruno Oberhammers auch als „Cuvée-Orgel“ bezeichnen könnte. Bei der Bergöntzle-Orgel in Au findet sich folgender Hinweis auf den Erbauer: „Gemacht durch mich, Joseph Bergöntzle, Orgelmacher, gebürtig aus Elsaß“. Dieses Instrument besitzt bis heute als Besonderheit auch einen Registerzug mit der Bezeichnung „Kalkant“. Damit gab der Organist in früheren Zeiten dem Balgtreter („Kalkanten“) ein Glockenzeichen, dass er für den nächsten Einsatz der Orgel in Aktion treten und für genügend Luft sorgen sollte.

Sein Hauptwerk

Joseph Bergöntzles Hauptwerk aber steht, kürzlich genau 200 Jahre alt geworden, spieltechnisch völlig intakt und unangekränkelt in der Pfarr- und Wallfahrtskirche Tschagguns. Die Archivalien berichten, dass sich ursprünglich Orgelbauer aus Tirol, Bayern, Baden, Graubünden, dem Thurgau und dem Elsass um diesen Bauauftrag bemühten. Bergöntzle erhielt deswegen den Zuschlag, weil er mit seinen bisherigen Leistungen in Vorarlberg die Baukommission überzeugen konnte. So errichtete er in den Jahren 1815/16 dort sein „Opus maximum et ultimum“, also sein größtes und letztes Werk. Es war eine dreimanualige Orgel mit Pedal und 38 Registern, die bis ins 20. Jahrhundert hinein, nämlich bis zum Bau der bereits erwähnten Behmann-Orgeln, als größte Orgel Vorarlbergs galt. Das heutige Klangbild und dessen Vielfalt mit den typisch französisch gefärbten, hellen Registern wurde 2016 von Bruno Oberhammer durch eine CD-Einspielung für den Stand Montafon mit dem Titel „Te deum laudamus“ dokumentiert.

Auch bei der von einem unbekannten Meister stammenden und Bergöntzle zugeschriebenen Orgel von Bludesch ist mit ihren 21 klingenden Registern auf zwei Manualen und Pedal das französische Klangideal die hervorstechendste Eigenschaft. Der Bludescher Guntram Jussel hat anfangs der 1990er-Jahre einen Freunde-Verein für die dortige Orgel gegründet, der auch eine erste CD-Einspielung an diesem Instrument unterstützte. In seinem Booklet-Text kommt Jussel zu dem Schluss, dass Bergöntzle damals zu Beginn der Französischen Revolution mit ihrer Säkularisierung von Kirchen und Klöstern eine im Elsass bereits vorhandene Orgel zunächst rasch abbaute und an einem nicht bekannten Platz in Sicherheit brachte.

Ein zentrales Instrument in der Vorarlberger Orgellandschaft ist die Bergöntzle-Orgel in Bludesch. Bubenik,Todorovic

Nach ihrem Einbau 1803 in Bludesch durch Joseph Bergöntzle tat die Orgel dort ihren Dienst, wurde aber im Laufe der Zeit durch unsachgemäße Restaurierungen verändert und damit erheblich beeinträchtigt. Erst Ende des vorigen Jahrhunderts hat man sich zu einer aufwendigen Generalsanierung entschlossen.

Vorarlberg verfügt über eine reichhaltig bestückte Orgellandschaft mit rund 200 Instrumenten aus der Zeit ab etwa der Mitte des 16. Jahrhunderts bis in die Gegenwart. Aus dieser Vielzahl ragen die historischen Instrumente wie kostbare Leuchttürme  heraus. Fritz Jurmann