Die Sache mit Tante Hertha

Kultur / 23.12.2019 • 18:17 Uhr / 9 Minuten Lesezeit

1. Advent

Wird Tante Hertha auch in diesem Jahr nach Eau de Toilette aus dem vergangenen Jahrhundert riechen? Wird sie am 24. Dezember in unserem Esszimmer sitzen, auf dem von ihr annektierten und damit seit über dreißig Jahren ungerechtfertigt beanspruchten Vorsitzstuhl am Ende des langen Tisches? Eine Tafel, auf der sich Tonnen von Fleisch und Fisch nicht darum kümmern, dass die Kinder von heute vegan leben? Kinder, die auch das Fest der Feste im Jahr, unsere heilige, unsere allerheiligste Weihnacht nicht nur verspotten, sondern sogar fleischlos, ja vollkommen tierproduktfrei feiern würden?

Wie soll das gehen, frage ich Sie? Wie soll das fleischlose Leben an hohen Festtagen funktionieren, wo wir doch seit Jahrhunderten das Fett auslassen aus dem wohlgenährten Schwein im späten Herbst, zu St. Martin, in jenen Tagen, da die Weinreben im Dunst des Nebels untergehen und wir uns einzustellen beginnen auf den kalten, den dunklen und mystischen, den herrlichen Advent? Advent, die Zeit der Einkehr, auch der kulinarischen. Advent, die Zeit des Rauchens und Saufens und Fressens ist doch die allerbeste Zeit, nicht?

Und wie, sagen Sie mir, soll das weitergehen mit Tante Hertha, die den Vorsitz annektiert und sich gütlich tut an unserem Tisch, um im Anschluss daran nach einem donnernden Ave Maria und rührseligem Singsang der Heiligen Nacht ihre Päckchen zu verteilen unter unseren Kindern? Wollsocken, Skiunterwäsche, eine Saisonkarte. Geschenke, ebenso wie ihr Eau de Toilette: alles aus dem vergangenen Jahrhundert. Dinge, die keiner brauchen kann oder die man sich – um Gottes Willen! – doch längst selber leistet. Aber so soll sie sein, die allerbeste Zeit, die Weihnachtszeit, nicht?

2. Advent

Glauben Sie mir, wenn ich Ihnen sage, es ist schwer, über die Weihnacht nachzudenken? Wie sollen wir diese belastende Frage begreifen, wo wir doch nicht einmal wissen, ob es uns gefällt, dass Tante Hertha mit ihren verrutschten Sonntagsstrümpfen Platz finden soll an unserem Tisch in der Essstube? Gefällt es uns? Ist das Weihnachtsfest Segen oder Fluch? Kostet uns die Weihnacht mehr, als wir dafür erhalten? Und Sie hier, ja Sie in der ersten Bank oder hinten, Sie, in der letzten Reihe: Ihre Weihnacht, ganz konkret, besteht sie primär aus Langeweile, aus Warten auf irgendwas, vielleicht sogar auf bessere Tage?

Wenn Sie Wollsocken geschenkt bekommen, was überwiegt eher: das Gefühl der Enttäuschung oder jenes der Dankbarkeit? Sofern Sie enttäuscht sind: Sind Sie über die Wollsocken enttäuscht oder darüber, dass der schenkende Mensch so wenig über Ihr Seelenleben weiß? Reden wir uns ein, die Weihnachtszeit sei die kulinarisch allerbeste Zeit und schütten trotz klimaerwärmtem Föhnsturm schweren Glühwein auf jedem sich bietenden Weihnachtsmarkt in unsere Kehlen, um uns über Geschenke wie Wollsocken hinwegzutrösten? Weil wir uns dadurch einreden können, es drehe sich doch am allerwenigsten um Geschenke? Weil wir trotzdem enttäuscht sind von allen, die uns beschenken und nie die richtige Wahl treffen?

Was macht sie uns im Grunde vor, unsere Tante Hertha, wenn sie unbeirrt durch den Schnee stapft während der Adventtage, lange vor Sonnenaufgang, um im Pfarrsaal die Brote zu streichen für alle Kinder, die nach der Rorate ein Frühstück bekommen sollen? Was macht sie uns vor, unsere Tante Hertha, wenn sie unbeirrt zu St. Martin damit beginnt, Wollsocken zu stricken für alle von uns, für jeden ein Paar, eingewickelt in gebrauchtes Geschenkpapier, das sie am Heiligen Abend nach dem Auswickeln ihrer immer gleichen Überreichungen fein säuberlich glattstreicht, um es im nächsten Jahr erneut zu verwenden? Was macht sie uns vor, unsere Tante Hertha?

3. Advent

Wäre es nicht angebracht, dass wir unsere Tante Hertha in einen Bus setzen, einen Bus meinetwegen, der in ein lustiges Ferienlager fährt, damit sie als anderer Mensch zurückkehrt? Glauben Sie mir, wenn ich Ihnen gestehe, auch ich wäre manchmal gerne ein anderer und schon als Kind, als wir unsere schönsten Kleidungsstücke überzogen, um in die Christmette zu gehen, dieser „andere“ zum Vorschein zu kommen schien? Wären auch Sie, sofern Sie es sekündlich ändern könnten, in diesem Moment gerne ein vollkommen anderer Mensch?

Aber haben Sie auch schon die Erfahrung gemacht, dass es nichts nützt, zwei Wochen in den Urlaub zu fliegen, um als neu definierter Mensch zurückzukehren? Weil die anderen ihre Sicht auf Sie nicht verändert haben? Wünschen Sie sich dann grundsätzlich andere Menschen um sich? Wie hoch ist die Anzahl derer, mit denen Sie gerne reden wollen? Wie hoch ist dem gegenüber der Anteil jener Menschen, denen Sie auch an Weihnachten nicht begegnen möchten und haben Sie denen, mit denen Sie gerne reden, viel zu sagen?

Schenken Sie den Menschen, die Sie sympathisch finden, mehr als Sie sich leisten können? Wären Sie gerne reich, um denen, die Sie sympathisch finden, noch mehr zu schenken? Was würden Sie ändern, wären Sie reich? Haben Sie das Gefühl, dass Geld einen besseren Menschen aus Ihnen machen würde? Sagen Sie jetzt innerlich Nein, weil Sie wenig Geld haben und sich mit Ihrem Nein darüber hinwegtrösten, ein armes Schwein zu sein? Oder besitzen Sie viel? Einen großen Hof zum Beispiel? Wie lange würde das Feuer brennen, das all Ihren Besitz verschlingt? Minuten? Stunden? Tage? Könnten sich jene, die innerlich mit „Tage“ geantwortet haben, bei mir melden, damit ich jenen, die mit „Minuten“ antworteten, ein Scheibchen davon abschneiden und durch Banküberweisung zukommen lassen kann? Wäre das für die Armen dann „Weihnachten“ und zugleich für die Reichen das Armageddon?

4. Advent

Kann man Weisheit erkennen? Die von Tante Hertha beispielsweise? Und könnten wir, gesetzt den Fall, dass wir es wirklich wollen, auch Demut einüben? Sofern Sie der Aussage zustimmen können, dass man Bescheidenheit in seinen Ansprüchen lernen kann, würden Sie dann auch zustimmen, wenn ich infolge sage, dass wir alle verrückt sind, weil wir für unseren Lebensluxus viel zu viel bezahlen, was wiederum zur Folge hat, dass wir dem Geld hinterher rennen müssen, um den Luxus zweier oder sogar dreier Klomuscheln genießen zu können? Glauben Sie mir, wenn ich behaupte, daraus folge mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit auch die Arroganz, Tante Herthas Wollsocken nicht sexy genug zu finden, schon gar nicht als Weihnachtsgeschenk?

Ist Weihnachten die allerbeste Zeit, weil sie uns ohne die geringste Form des Druckausübens darauf stößt, überhaupt solche Fragen zu stellen? Müssten wir – in Einschätzung all dessen, was wir inzwischen über sie wissen – bei Tante Hertha beispielsweise für Zuneigung bezahlen? Haben Sie schon einmal dafür bezahlt, Zuwendung zu bekommen? Beispielsweise in einem Lokal? Durch Trinkgeld? Ein Lächeln des Kellners für drei oder vier Euro? Bezahlen wir nicht laufend für ein Lächeln und könnten es von unserer Tante Hertha jederzeit gratis bekommen, auch wenn es ein einigermaßen verpeiltes Lächeln wäre?

Könnte es sein, dass wir an Weihnachten die Chance haben, uns neu zu erfinden und dass das gar nicht allzu schwer ist? Indem wir vielleicht Tante Herthas Wollsocken als das wahrnehmen, was sie sein können: Unikate, von Hand gemacht, in Liebe und voller Treue? Und dass Tante Herthas Eau de Toilette uns daran erinnert, woher wir kommen? Ja, gerne aus einem anderen Jahrhundert?

Können wir uns neu erfinden, indem wir uns nicht beleidigt fühlen, weil Tante Hertha mit ihren verrutschten Sonntagsstrümpfen auf der Stirnseite des Tisches Platz nimmt, sondern in unseren Augen am Ehrenplatz der Weihnachtstafel? Ist dann Weihnachten doch noch die allerbeste Zeit?