Ein Sängerleben mit Franz Schubert

Kultur / 27.12.2019 • 18:15 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Peter Schreier prägte die Schubertiade mit wie kaum ein anderer.  Schubertiade
Peter Schreier prägte die Schubertiade mit wie kaum ein anderer.  Schubertiade

Der verstorbene Peter Schreier prägte über Jahrzehnte die Schubertiade.

Schwarzenberg Wie die VN berichteten, ist Jahrhundert-Tenor Peter Schreier im 84. Lebensjahr in Dresden verstorben. Wir in Vorarlberg durften uns glücklich schätzen, dass dieser Ausnahmesänger neben seiner Opern- und Oratorientätigkeit als Bachs Evangelist von Beginn an auch zu einem der führenden Liedinterpreten unserer Schubertiade wurde und dieses Festival während 29 Jahren entscheidend mitgeprägt hat wie kaum ein anderer. Er war ein Künstler, dessen wahre Größe sich nicht nur über seine stimmlichen, sondern auch über seine menschlichen Qualitäten erschloss.  

Sein Markenzeichen, für das er weltweit geliebt und vergöttert wurde, war der personifizierte Müllerbursche in Schuberts Zyklus „Schöner Müllerin“, den er in seinem Leben „geschätzte 500 Mal“ gesungen hat, wie er in einem Interview einmal sympathisch sächselnd sagte. Seine ganze Erscheinung, seine helle, höhensichere Stimme, die ausgeprägte Wortdeutlichkeit prädestinierten ihn auch im höheren Alter noch für diese Partie. Er verstand es aber auch, mit der tiefgründigeren „Winterreise“ die Menschen zu berühren, die ebenso zu seinem Standard-Repertoire zählte.

„Winterreise“ zum Abschied

Während er sich offiziell bereits mit 65 von der Opernbühne verabschiedete, sang Schreier in Schwarzenberg diese „Winterreise“ zum Abschied im Jahre 2005 noch mit 70. Etliche Besucher im ausverkauften Angelika-Kauffmann-Saal waren in Tränen aufgelöst und wollten es nicht wahrhaben, dass sie den Sänger nun zum letzten Mal live gehört hatten. Schreier genoss seinen Nimbus als Publikumsliebling so sehr, dass er gerne nach jedem Konzert bei seinen Autogrammstunden ein Bad in der Menge nahm. Es gab auch Auswüchse in Form betagter weiblicher Groupies, die ihm, sehr zu dessen Missfallen, zu jedem Konzert nachgereist sind.

Schreiers erster Schubertiade-Auftritt war 1976 in Hohenems an der Seite von Gründer Hermann Prey, nach dessen Abgang 1980 Gerd Nachbauer die künstlerische Leitung übernahm und das Festival zu seiner heutigen Bedeutung führte. Peter Schreier sang fortan fast jährlich insgesamt 75 Konzerte mit Zyklen und neu erdachten Programmen, auch im starbesetzten Solistenquartett bei Großprojekten wie Beethovens „Fidelio“ und seiner Missa Solemnis unter Nikolaus Harnoncourt in Feldkirch. Er gestaltete manche Lieder mit Gitarrenbegleitung, leitete bei Schubert-Opern in seiner zweiten Profession als Dirigent auch das dort auftretende SOV und gab seine Erfahrungen gerne in Meisterkursen weiter.  

Vor allem seine Zeit im ländlichen Schwarzenberg empfand Schreier wie eine zweite Heimat, im familiären Einvernehmen mit Geschäftsführer Gerd Nachbauer, der zum Tod des Sängers erklärte: „Wir trauern um eine der langjährigen, tragenden ‚Säulen‘ der Schubertiade und sind in Gedanken bei seiner Familie. Peter Schreier hat immer die Komponisten in den Mittelpunkt seiner Arbeit und nie sich selbst in den Vordergrund gestellt.“

Der damalige Bürgermeister Jakob Franz Greber führte den eingefleischten Stadtmenschen erstmals ins Leben auf einer Alp ein und kredenzte ihm dort ein Glas Milch und ein frisches, fingerdick mit Butter beschmiertes Brot. Das hinterließ bleibenden Eindruck. Als begeisterter Fußballfan genoss Peter Schreier als Einziger auch das Privileg, dass während der parallel zur Schubertiade-Zeit stattfindenden Weltmeisterschaft hinter der Bühne ein Fernsehgerät aufgestellt wurde, damit der Sänger sich sofort nach seinem Abtreten über die aktuellen Spielstände informieren konnte. Aber erst, nachdem er seine längst zum Kult gewordene schelmische „Forelle“ als Zugabe abgeliefert hatte …