Suche nach den Worten und sich selbst

Kultur / 27.12.2019 • 16:49 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Der von den Löwen träumteHanns-Josef Ortheil, Luchterhand, 352 Seiten

Der von den Löwen träumte

Hanns-Josef Ortheil,
Luchterhand,
352 Seiten

Ortheil schrieb über Hemingways Schreibkrise in Venedig.

Roman Franz Kafka hatte eine. Samuel Beckett ebenso. Und auch Ernest Hemingway musste sich mit ihr herumschlagen: Die Schreibblockade ist der Schrecken jedes Schriftstellers. Hanns-Josef Ortheils neuer Roman „Der von den Löwen träumte“ beschreibt, wie Hemingway nach Venedig reist, immer in der Hoffnung, auf der Reise zu sich und wieder zu den Worten zu finden. Denn Hemingway steckt 1948 in einer Lebenskrise. Nach außen strahlt er Vitalität und Energie aus. Er liebt es, Bekanntschaften zu schließen, und genießt es, mit ihnen über das Leben, Kunst und gutes Essen zu sprechen. Innerlich ist er zerrissen, leidet an depressiven Episoden, Schreibblockaden und trinkt zu viel.

Seit zehn Jahren hat er keinen Roman mehr zu Papier gebracht. Der Zweite Weltkrieg, den er als Kriegsreporter begleitet hatte, hat ihn traumatisiert. Er sucht einen Ort, an dem er sich erholen kann und hofft, in der italienischen Lagunenstadt Ruhe zum Schreiben zu finden.

Seine vierte Frau Mary begleitet ihn auf der Reise. Sie hatte die Idee zu einem Ortswechsel. Der Schriftsteller ist zu Lebzeiten schon ein berühmter Mann, und so bleibt seine Ankunft in Venedig nicht unbemerkt. Er wird von einem windigen Reporter erwartet. Dieser heftet sich sofort an Hemingways Fersen, schreibt Artikel über ihn, übertreibt maßlos und spannt auch seine restliche Familie ein – seinen Sohn Paolo, seine Tochter Marta und seine Ehefrau Elena. Am Ende hofft er, mit einem Buch über die Begegnung mit dem großen Autor Hemingway Profit zu schlagen. Auf einem seiner Streifzüge durch die Stadt entdeckt der Schriftsteller unterdessen eine junge Italienerin, Adriana Ivancich, 18 Jahre alt, die ihn von der ersten Sekunde an bezaubert. Das Zusammentreffen all dieser Leute in Venedig wird das Leben aller Beteiligten verändern.

Im Mittelpunkt von Hanns-Josef Ortheils neuem Roman stehen Freundschaft, Genuss, das Meer und die Stadt an der Lagune. Die Geschichte hat einen wahren Kern. Hemingway war tatsächlich in Venedig, wohnte im Hotel Gritti, trank in Harry‘s Bar und schrieb ein Buch, in dem eine blutjunge und wunderhübsche Italienerin eine zentrale Rolle spielt. Das Ende seiner Schreibkrise machte den Weg aber vor allem frei für den Welterfolg „Der alte Mann und das Meer“. Thomas-Mann-Preisträger Ortheil erzählt ruhig und unaufgeregt, wie der weltberühmte Amerikaner zwischen viel Gin und Valpolicella zu seinen Worten zurückfindet.