Auffällig unauffälliger Kunstpreisträger

Kultur / 03.01.2020 • 22:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Charakteristisch für Sebastian Stadlers Schaffen ist die im letzten Sommer in Japan entstandene Videoarbeit „Swimming Pool“. <span class="copyright"> AG</span>
Charakteristisch für Sebastian Stadlers Schaffen ist die im letzten Sommer in Japan entstandene Videoarbeit „Swimming Pool“. AG

Der Manor Kunstpreisträger Sebastian Stadler zeigt sich als wacher Beobachter des Alltags.

ST. GALLEN Man muss genau hinschauen, denn ob der fein geführten künstlerischen Klinge von Sebastian Stadler könnte man leicht etwas verpassen in den Videoarbeiten und Fotografien des St. Galler Manor Kunstpreisträgers 2019. Die alle zwei Jahre verliehene, mit 15.000 Franken, einem Ankauf, einer Einzelausstellung im Kunstmuseum St. Gallen und einer Publikation dotierte Auszeichnung gilt als einer der wichtigsten Förderpreise des zeitgenössischen eidgenössischen Kunstschaffens. Prominente Vorgänger des 1988 geborenen Sebastian Stadler in St. Gallen (der Preis wird jährlich in sechs Kantonen vergeben) waren unter anderem Pipilotti Rist, Christoph Büchel oder Lutz/Guggisberg.

Ein Flaneur

Für Stadlers Ausstellung „Pictures, I think“, mit der man in St. Gallen einmal mehr ein gutes Händchen beweist, geht es ins Untergeschoß. Die Räumlichkeiten eignen sich nicht nur gut für die Präsentation der neueren und jüngsten Videos und Fotoarbeiten des Künstlers. Der Weg über die Rampe ist auch ein Hinuntergehen in eine andere Welt, die zwar dem Alltag entlehnt ist, aber eine andere, ebenso beiläufige wie befremdliche Seite des Trivialen aufzeigt. Sebastian Stadler erweist sich als durch die Stadt streifender Flaneur und durch die Landschaft reisender, wacher Beobachter, mit einem Faible für das Unspektakuläre und zuweilen Melancholische. Er rückt Dinge in den Fokus, an denen andere achtlos vorbeigehen. Charakteristisch für sein Schaffen ist die im letzten Sommer in Japan entstandene Videoarbeit „Swimming Pool“. Zu sehen ist ein Bassin auf dem Dach eines Gebäudes, in dem ein einzelner Schwimmer bedächtig watend, wie auf der Suche nach etwas, und selbstvergessen seine Bahnen zieht, während auf dem Sportplatz im Hintergrund Jugendliche in verschiedenen Disziplinen tätig sind.

Und ein Voyeur

Stadler gibt sich hier ebenso wenig als filmender Beobachter preis wie in „Vos Travaux“, wo er Kunden eines Pariser Fotolabors beim Abholen und Begutachten der entwickelten Fotos verfolgt. Auch als Betrachter gibt es kein Entkommen. Unweigerlich tut man es ihm gleich und schlüpft in die Rolle des Voyeurs. Fast dokumentarisch dagegen ist „Welcome to Disneyland“. Der Künstler verweilt mit seiner Kamera auf dem riesigen Parkplatz des Unterhaltungsparks bei Paris. Die umlaufende Rollbahn nutzend, die die Besucher zum Eingangsbereich befördert, macht er die triste Szenerie des grauen Unorts zum Spektakel. Das zufällige Moment, Warten, das Verstreichen und Stillstehen der Zeit, minimale Verschiebungen verdichtet Sebastian Stadler zu präzisen, subversiven Porträts von Menschen und Orten. Algorithmen und Bilderkennungsprogramme nutzt er dafür ebenso wie webgenerierte Bilder der finnischen Transportbehörde oder irritierende Doppelbelichtungen, wie in der in der Säulenhalle präsentierten, fortlaufenden Fotoserie „L‘ apparition“. Ariane Grabher

Geöffnet im Kunstmuseum St. Gallen, Museumstraße 32, bis 16. Februar, Di bis So, 10 bis 17 Uhr, Mi, 10 bis 20 Uhr.