Mechanismus der Aufwiegelung

Kultur / 03.01.2020 • 18:09 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

„Im Netz des Lemming“ heißt der sechste Krimi von Slupetzky rund um seinen Anti-Helden.

Roman Eigentlich ist es umgekehrt: Der Lemming verfängt sich in einem Netz, das zunächst ganz anonym zu sein scheint und sich dann doch als von ganz bestimmten Menschen aus ganz bestimmten Motiven gesponnen herausstellt. Was man sich unter Dirty Campaigning, Fake News und Shitstorm vorstellen darf, erfährt der gar nicht Social-Media-affine Held, der eigentlich nur noch seine Ruhe und sein glückliches Familienleben genießen will, am eigenen Leib. Ausgangspunkt der Geschichte, in die Slupetzky viel heimische Tagespolitik einfließen lässt, ist die kurze Begegnung des Lemming mit Mario, einem Freund seines Sohnes. Kurz deshalb, weil Mario noch am Tag des Kennenlernens in Gegenwart des zu seiner Arbeitsstätte in Schönbrunn fahrenden Lemming von einer Brücke auf U-Bahn-Gleise springt. Eine böswillige Zeugenaussage macht aus Lemming, der um ein Haar den Selbstmord vereiteln konnte, den Hauptverdächtigen: Hatte er dem Buben nicht kurz zuvor in der Straßenbahn Zuckerl angeboten? Doch nicht nur Marios Jacke, auch dessen Mobiltelefon war beim Lemming zurückgeblieben. Auf dem Handy finden sich in Social-Media-Foren gepostete wüste Beschimpfungen des Buben.

Chefinspektor Polivka glaubt dem Lemming und gerät sofort ins Visier der Medien. Schon nach kurzer Zeit sind beide Ex-Kollegen ihre Jobs los und schwören sich bei etlichen Gläsern Weißwein, den wahren Übeltätern das Handwerk zu legen. Mag man auch die Handlung, in der Weltanschauung und familiäres Schicksal eines Wiener Regisseurs nicht unwesentliche Rollen spielen, nicht in allen Wendungen für allzu plausibel halten, gelingt Stefan Slupetzky doch zweierlei: den Mechanismus von Rufmord und Aufwiegelung in der heutigen Zeit exemplarisch zu beschreiben – und immer wieder Figuren und Szenen zu entwerfen, die satirische Begabung und Liebe zum Lokalkolorit vereinen.

„Im Netz des Lemming“, Stefan Slupetzky, Picus Verlag, 200 Seiten