Skulpturale Neuinterpretationen

Kultur / 03.01.2020 • 19:42 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Iman Issa erforscht unser kulturelles Erbe und konfrontiert mit geometrischen Skulpturen. AG
Iman Issa erforscht unser kulturelles Erbe und konfrontiert mit geometrischen Skulpturen. AG

Die Ägypterin Iman Issa untersucht die Wechselwirkungen von Text und Abbild.

ST. GALLEN Das Objekt im Foyer schimmert in warmem Kupferglanz. Gleichzeitig hat die perfekt ausgearbeitete, Torpedo-artige Skulptur etwas Bedrohliches an sich. Der Wandtext, der ein nicht loszulösender Teil des Werks ist, verlautet: Schwarzer Obelisk von Nimrud, Iran. Die Arbeit „HS 33“ ist Teil der Serie „Heritage Studies“ der ägyptischen Künstlerin Iman Issa, der das St. Galler Kunstmuseum die erste institutionelle Einzelausstellung in der Schweiz widmet. Die 1979 in Kairo geborene Iman Issa lebt und arbeitet in Kairo, Berlin und New York, ihre Arbeiten waren bereits in etlichen internationalen Ausstellungen zu sehen, wie im New Yorker MoMA, im MACBA Barcelona, in der Kunsthalle Lissabon oder im 21er Haus in Wien.

Skarabäus und Säule

Die Anfänge der „Heritage Studies“ reichen ins Jahr 2011 zurück, als Iman Issa auf Reisen begonnen hat, die Artefakte in archäologischen und kulturhistorischen Museen in aller Welt zu fotografieren. Auf das fotografische Archivmaterial folgten erste Skizzen, seit 2015 entstehen Skulpturen, minimalistische Objekte, die das museale Quellenmaterial, vom Kleinod wie einem Skarabäus bis hin zu einer mächtigen Säule, neu und frei, auch was die Größenverhältnisse anbelangt, interpretieren. Sowohl in den reduziert-abstrahierten Formen, als auch in den Werkstoffen Kupfer, Aluminium, Holz, Messing, Bronze und Stahl, haben die Arbeiten der 40-jährigen Ägypterin etwas ungemein Zeitgenössisches, obschon sie zutiefst in der Geschichte verwurzelt sind. Mittlerweile ist die Werkreihe auf 36 Skulpturen angewachsen, 23 davon sind in der Ausstellung „Surrogates“, also Ersatz, in der Gallusstadt zu sehen.

Iman Issas Schaffen, das neben Installationen und Skulpturen auch Fotografie, Video, Sound und Schrift umfasst, zielt auf Wechselwirkungen ab, wie jene zwischen Text und Abbild und auf die Lücken zwischen Erinnerung, Fiktion und Geschichte, die es neu zu füllen gilt.

Keine Designstücke

Issa erforscht unser kulturelles Erbe und unsere Sicht auf die Geschichtsschreibung auf ihre ganz eigene Art. Sie konfrontiert mit geometrischen Skulpturen, die Neuinterpretationen sind und in ihrer makellosen Präzision und Perfektion keineswegs nur als schicke Design-Stücke gesehen werden möchten, auch wenn sie gute Figur machen. Tradition und Vergangenheit kommen erst durch die ergänzenden Wandtexte ins Spiel, die den Bezug zwischen Objekt und Geschichte herstellen, aber auch klarstellen: Die Objekte könnten auch ganz anders aussehen und andere Stories erzählen, sprich Kunst-, Kultur- und Zeitgeschichte kann instrumentalisiert und somit auch anders gelesen oder interpretiert werden. Die Miniatur einer Goldpyramide, eine Königsstatue, ein geflügeltes Drachenpaar oder ein persischer Gartenteppich mit klassischem Muster aus dem 18. Jahrhundert, aufgerollt und in eine 170 Zentimeter lange Skulptur aus schwarz bemaltem Holz übersetzt: Iman Issa dekonstruiert und fügt neue Aspekte, Subtexte, hinzu. Das fordert die Fantasie und zuweilen auch den Humor des Betrachters auf überaus kluge Weise heraus.

Geöffnet im Kunstmuseum St. Gallen, Museumstraße 32, bis 26. April, Di bis So, 10 bis 17 Uhr, Mi, 10 bis 20 Uhr.