So ansteckend kann das Lachen sein

Kultur / 03.01.2020 • 21:40 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Die Lachkompositionen von Antonia Baehr sind Teil eines groß angelegten Forschungsprojekts. sorko
Die Lachkompositionen von Antonia Baehr sind Teil eines groß angelegten Forschungsprojekts. sorko

In der Kunsthalle Tirol werden haufenweise Endorphine ausgeschüttet.

Innsbruck Geht ein Dalmatiner einkaufen. Fragt der Kassier: „Sammeln Sie noch Punkte?“. Ein Witz genügt und schon ziehen wir die Mundwinkel nach oben. Wir grinsen aus Höflichkeit, kichern über Missgeschicke und amüsieren uns über Scherze. Lachen gehört zu den angeborenen Reflexen des Menschen. Wer lacht aktiviert 80 Muskeln und verbrennt 40 Kalorien in 10 Minuten. Im Taxispalais, der  Kunsthalle Tirol in Innsbruck, haben es sich fünf Künstlerinnen und Künstler zum Ziel gesetzt, die Besucher mit ihren Werken mitzureißen. Sie werden mit Lachkonserven, Tierfiguren und Partituren konfrontiert. Die Ausstellung „Lachen“, die noch bis März läuft, ist das letzte Kapitel einer Trilogie zu Alltagspraktiken. Als Kuratorin fungiert Direktorin Nina Tabassomi.

Im Eingangsbereich können die Besucher eine Schallplatte in Gang setzten und über Kopfhörer zwölf Minuten lang dem Lachen verschiedener Personen lauschen. Die erklingenden Lachkompositionen von Antonia Baehr (49) sind Teil eines groß angelegten Forschungsprojekts, die Berlinerin möchte das Lachen als akustisches und körperliches Phänomen untersuchen. Für ihr knapp vierminütiges Video wurden neun Menschen gefilmt, die versuchen, das Gelächter einer bestimmten Person zu imitieren. An der Wand hängen detailreiche Lachpartituren, die Besucher werden dazu animiert die Lach-Anleitungen selbst auszuprobieren. Die Medienkünstlerin filmte sich einen Tag lang beim Dauerlachen und verarbeitete ihre Alltagserlebnisse. Sie putzt sich die Zähne, fährt Fahrrad, isst eine Mahlzeit, steckt die Zuseher an. Nach kurzer Zeit verschwimmt die Grenze zwischen gespieltem und echtem Lachen.

Eine thrakische Magd

An goldenen Stangen wurden mehrere Malereien mit fransigen Konturen von der Innsbruckerin Mairer Sophia (30) angebracht. Die Figuren scheinen eine Gruppe zu bilden und miteinander in Interaktion zu treten. Mit ihrem Werk „Ananas“, das in einer Ecke schwebt, thematisiert sie Lachtheorien. Es geht auf eine thrakische Magd zurück, die über den Philosophen Thales lacht, weil er während eines Spaziergangs dem Himmel seine ganze Aufmerksamkeit schenkt und aus Versehen in einen Brunnen fällt. Für ihr Ausstellungstück „Medusa effect“ aus Papiergewebe wurde ein schmaler Fensterrahmen zur Ausstellungsfläche umfunktioniert.

Können Tiere lachen?

Können Tiere lachen oder bleibt dieses Privileg dem Menschen vorbehalten? Diese Frage stellt sich der Tiroler Stefan Klampfer (40). Der Künstler brachte an der Unterseite von zwei Tischen, die aufeinandergestellt wurden, Siebdrucke in Form von Tierfiguren an. Bei der Betrachtung seiner Fotografien spielt der Blickwinkel eine entscheidende Rolle, jeder Bildrand wird zum Boden und die Gesetze der Schwerkraft werden ausgeschaltet. Die Halle im Untergeschoss dient als Kinosaal, dort wird das 21-minütige Video „Hilarious“ des israelischen Konzeptkünstlers Roee Rosen (56) gezeigt. Eine Komikerin tritt vor Live-Publikum und bringt traumatische und verstörende Themen zur Sprache. Nach jedem scheinbaren Gag wird künstlich aufgenommenes Gelächter von einem Tonband abgespielt. Die Zuseher können am eigenen Leib erfahren, was Wissenschaftler bereits erwiesen haben, auch Lachkonserven können ansteckend sein. Spätestens gegen Ende des Videos bleibt den Zusehern das Lachen im Hals stecken.

Die Ägypterin Iman Issa (40) thematisiert museale Konventionen und befasst sich mit dem Umgang mit Artefakten. Sie durchkreuzt etablierte Ordnungen und verweist auf den besonderen Moment des Lachens. Während manche Kunstfreunde herzhaft mitlachen, bleibt den anderen Besuchern die Erkenntnis, dass nicht jeder angesteckt werden kann.

Die Ausstellung „Lachen“ im Taxispalais Kunsthalle Tirol in Innsbruck läuft noch bis 15. März 2020: www.taxispalais.art