„Wir verlieren die Kontrolle über unser Leben in der Stadt“

Kultur / 07.01.2020 • 20:45 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Helge Mooshammer und Peter Mörtenböck leiten den Biennale-Auftritt. APA
Helge Mooshammer und Peter Mörtenböck leiten den Biennale-Auftritt. APA

Den Österreich-Beitrag zur Architekturbiennale liefern Helge Mooshammer und Peter Mörtenböck.

Venedig, Wien Der Titel „Platform Austria“ hat für die beiden Forscher und Gründer des „Centre for Global Architecture“ einen doppelten Hintergrund: „Einerseits widmen wir uns sowohl in unserer Forschung als auch im Pavillon selbst dem Thema Plattformurbanismus, andererseits wird der österreichische Standort in den Giardini selbst zur Plattform“, so Helge Mooshammer, Stadt- und Kulturforscher an der TU Wien. Untersucht werden sollen die Implikationen der herrschenden „Plattformmentalität“ auf künftige Stadtarchitektur. „Das ganze Leben wird zu einer Summe von Abos, ohne die ich auch am städtischen Alltag nicht mehr teilnehmen kann“, erklärt Mooshammer. Dies reiche von AirBnB über Carsharing- und E-Roller-Dienste bis hin zu Co-Living-Spaces, wie sie derzeit etwa in Los Angeles, New York oder London entstehen. „Ich muss mich um nichts mehr kümmern. Alles kommt im Paket. Dadurch verlieren wir die Kontrolle über unser Leben in der Stadt.“ In dieselbe Kerbe schlägt auch der Begriff „City on Demand“. „Durch die Plattformen bekommen wir ein Gefühl für eine Stadt, die unsere Bedürfnisse unmittelbar und spontan erfüllt.“

Lösungsansätze

„Wenn man sich fragt, ob uns mit dem Plattformurbanismus das Ende der Städte, wie wir sie kennen, bevorsteht, dann würden wir sagen: Ja!“ Den beiden geht es aber um Lösungsansätze. „Vor 15 Jahren hatten wir noch ganz andere Zielvorstellungen“, erklärt Mörtenböck, Professor für Visuelle Kultur an der TU Wien. „Die Leute docken sich als User an die Plattformen an.“ In dieser „quasi neutralen“ Situation würden wir aber vergessen, „dass die Plattformen nicht neutral sind“, sondern von großen Konzernen kontrolliert werden.

Problematisch sei dabei, dass durch Plattformen wie Facebook oder Instagram Räume geschaffen würden, „in denen alles ausgeschlossen werden kann, was irritiert“, so Mooshammer. Der Rest, das nennen die Forscher „Urban Fabric“. „Dieses städtische Gewebe wird zerrissen, weil sich die partikulären Interessen in den Vordergrund stellen.“ In den 27 Wochen der Biennale werden über 70 Personen aus verschiedensten Bereichen jeweils einwöchige Residenzen absolvieren. Der letzte Österreich-Auftritt bei der Biennale Venedig wurde von Verena Konrad, Leiterin des Vorarlberger Archietkturinstituts, kuratiert.

Architekturbiennale Venedig: 23. Mai bis 29. November:
www.platform-austria.org