Einblicke in die große Opernproduktion des Landestheaters

Kultur / 08.01.2020 • 21:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Probenszene aus "La clemenza di Tito" mit Titus und Sesto, der in der Bregenzer Produktion von einer Sängerin und einem Schauspieler verkörpert wird. <span class="copyright">VN/Hartinger</span>
Probenszene aus "La clemenza di Tito" mit Titus und Sesto, der in der Bregenzer Produktion von einer Sängerin und einem Schauspieler verkörpert wird. VN/Hartinger

Das Vorarlberger Landestheater stellt mit Mozarts Oper „La clemenza di Tito“ wesentliche Fragen zum Menschsein.

Christa Dietrich

Bregenz Der deutsche Regisseur und Schauspieler Henry Arnold, der im Vorjahr am Vorarlberger Landestheater Beethovens „Fidelio“ inszeniert hatte, hält Mozarts Spätwerk, die Opera seria „La clemenza di Tito“, die nach den genialen Stücken mit Texten von Lorenzo Da Ponte auf die Bühne kam, schlicht für unterschätzt. Intendantin Stephanie Gräve sah in der Wahl eine gute Möglichkeit, an die Römerdramen „Julius Caesar“ und „Coriolanus“ von Shakespeare anzuschließen, mit denen sie die aktuelle Spielzeit eröffnet hat: „Für mich geht es um die Frage, wie man ein guter Herrscher in einer Welt sein kann, die nicht gut ist.“

„Ist der Mensch in der Lage, ein atavistisches Verhalten zu überwinden?“

Henry Arnold, Regisseur

Am 31. Jänner findet die Premiere im Theater am Kornmarkt in Bregenz statt. Im kleinen Raum des Theaters Kosmos wird in diesen Tagen intensiv geprobt. Arnold betont im Gespräch mit den VN, dass das Libretto nach einem Text von Pietro Metastasio sehr gut sei, denn es stelle die grundsätzliche Frage nach der Legitimation von Herrschaft. Dass die Oper geschrieben und 1791 in Prag uraufgeführt wurde, um einem Herrscher, nämlich dem Habsburger Leopold II., zu huldigen, stellt er in seinem Konzept hintan. Ebenso wie die Tatsache, dass der historische Titus, der im ersten Jahrhundert in Rom regierte, den Krieg gegen die Juden auf äußerst grausame Weise zu Ende führte. Das lässt die Oper ohnehin aus, wer nach historischen Parallelen sucht, findet in der Titus-Biografie ein grundsätzliches Bemühen des Kaisers um ein gutes Verhältnis zum Senat und zum Volk.

Philosophische Aspekte

Anhand der Kostümentwürfe von Gabriele Kortmann wird ersichtlich, dass „La clemenza di Tito“ am Vorarlberger Landestheater in der Gegenwart spielt. Man schildert aber keine konkrete Gegenwart, erklärt Henry Arnold. Es handle sich auch nicht um ein gegenwärtiges Regierungssystem, das er bei seiner Arbeit im Auge hat. Wenn es aber darum gehe, eine Person auszumachen, die ihre eigene Macht nur durch Härte aufrechterhalten kann, könne man laut Arnold durchaus Richtung Vereinigte Staaten schauen. Kurze Probeneinblicke und vor allem das Gespräch mit dem Regisseur lassen den Schluss zu, dass die Mozart-Oper mit ihren wunderbaren Arien in Bregenz ihren philosophischen Touch offenbart. So fragt der Regisseur: „Brauchen wir die Gesellschaft, um das Zerstörerische im Menschen aufzuhalten oder ist der Mensch grundsätzlich in der Lage, nicht wie ein Wolf zu agieren, sondern Kraft seines Verstandes ein atavistisches Verhalten zu überwinden?“

Figuren mit den Kostümen von Gabriele Kortmann.
Figuren mit den Kostümen von Gabriele Kortmann.

Sänger und Schauspieler

Titus sei bei ihm ein Suchender. Sesto gerate in der Beziehung zu Vitellia in eine Abhängigkeit oder gar sexuelle Hörigkeit, die ihn angesichts der Tatsache, dass sie von ihrem Geliebten verlangt, seinen Freund Titus zu töten, zum Zerrissenen mache. Vitellia habe ihr Urvertrauen zu den Menschen verloren. Der Geschichte geht ja der Mord an ihrem Vater voraus, durch den Titus erst auf den Thron kam. Er fände es völlig verkehrt, Vitellia als machtgierig oder gar als Bitch zu zeigen: „Sie ist keine Lady Macbeth.“ Eine Verdeutlichung der Zerrissenheit dieser beiden Personen will Henry Arnold mit der Verdoppelung der Figuren durch Schauspieler erreichen, die hinzugefügte Texte sprechen. Wobei man sich in Bregenz auch dazu entschlossen hat, die Sänger jeweils einige Sätze sprechen zu lassen.

Das Bühnenbild wird von Bartholomäus Kleppek entworfen.
Das Bühnenbild wird von Bartholomäus Kleppek entworfen.

Fast alle debütieren in ihren Rollen. Als Titus steht mit Christopher Sokolowski ein US-Amerikaner auf der Bühne, die herausfordernde Partie des Sesto singt die in Stuttgart ausgebildete Mezzosopranistin Annelie Sophie Müller. Narine Yeghiyan (Vitellia) stammt aus Armenien und war bereits an der Berliner Staatsoper engagiert.