Aller Anfang ist schwer

Kultur / 10.01.2020 • 17:02 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Weißer AsphaltTobias WilhelmHanser, 186 Seiten

Weißer Asphalt

Tobias Wilhelm

Hanser, 186 Seiten

Das erste Buch ist oft eine Bürde, viel wird überlegt, noch mehr wird verworfen.

Romane Natürlich wird oft Autobiografisches abgearbeitet, Wunschgedanken werden inszeniert, aber manchmal ist es das Schroffe, das sehr Eindeutige was geschätzt wird – ein Stern geht auf, oder auch nur ein Komet, der schnell verglimmt. Bei Tobias Wilhelm kann man das noch nicht einschätzen, wohin sich das Pendel bewegt, aber da er in mehreren Sparten antritt, stehen ihm einige Wege offen. „Weißer Asphalt“ ist sein erster Roman, eben eines dieser Werke, die Autobiografisches abarbeiten, aber es ist zugleich auch Literatur.

Irgendwo bei Frankfurt in einer Kleinstadt schlägt eine Runde junger Migranten aus dem ehemaligen Jugoslawien die Zeit tot. Zwischen Spaß am Leben, ein bisschen pauken und Kleinkriminalität haben sie nicht wirklich viel zu tun, bis der Zeitpunkt des Abiturs naht und alle auf ihre Art versuchen erwachsen zu werden. Dazu kommen die üblichen Szenen, wenn Jungs an der Peripherie aufwachsen. Interessant bleiben hier die Rivalitäten zwischen Einwanderern aus verschiedenen Kulturen. Tobias Wilhelm nimmt sich hier kein Blatt vor dem Mund, schreibt aber auch nicht im aufdringlichen Getto-Style, sondern fabriziert einen erfrischenden Text, in dem Supermärkte und Hinterhöfe zu literarischen Zentren werden und die Poesie dem Ich-Erzähler ausgeht, wenn Schwerwiegendes passiert. Vielleicht auch gut, dass der Roman zur Jahrtausendwende stattfindet, eine Zeit, in der man als Jugendlicher noch eher durch verwilderte Felder schritt, als vor dem PC zu verkommen.

Xaver Bayer war einst auch mit Romanen wie „Heute könnte ein glücklicher Tag sein“, oder „Die Alaskastraße“ als eine der „jungen Stimmen Wiens“ über die österreichischen Grenzen hinaus bekannt. Aber die Zeit hat er gut überstanden und mit „Geschichten mit Marianne“ legt er nun eine Sammlung aus verschiedenen Geschichten vor. Es sind Storys, in denen der Alltag in Szene gesetzt wird, genauer gesagt beteiligen sich die beiden Protagonisten tatkräftig daran. Bei einem Terroreinsatz betätigt man sich als Heckenschütze und speist daneben fürstlich. Auf einem Flohmarkt ergattert man kostbares Antiquariat und Kunst, um die Beute zu Hause zu vernichten. In einer Treibjagd werden sie als Spaziergänger plötzlich zu Gejagten und hinter Türen in verschiedenen Wohnobjekten lauern unvorhersehbare Gefahren, die Auflösung findet oft zwischen Traum, Wahn und Realität statt.

Null Melancholie

Einmal mehr erweist sich Xaver Bayer als ein bildreicher und zugleich zurückhaltender Erzähler. Seine Texte sind unterhaltsam, ohne in der Unterhaltungsliteratur zu enden. Gespür für die Architektur der Landschaft ist dem Autor seit dem ersten Roman gegeben. Glücklicherweise spart er mit melancholischen Schüben, die oft ab dem mittleren Alter zuschlagen. Manchmal ist einer der beiden Protagonisten am Ende der Geschichte nicht mehr am Leben, zumindest verschollen. Nach jedem Abenteuer erschaffen sich die Protagonisten neu, als wären die Kurzgeschichten eine Art Computerspiel. „Geschichten mit Marianne“ ist eine gelungene Sammlung zeitloser Literatur.

Geschichten mit MarianneXaver Bayer, Jung & Jung179 Seiten

Geschichten mit Marianne

Xaver Bayer, Jung & Jung

179 Seiten