Mit Fortschrittlichkeit angeeckt

Kultur / 10.01.2020 • 22:15 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Kulturhauptstadtteam mit Bürgermeisterin Andrea Kaufmann und Bettina Steindl: Was folgt, sind Gespräche mit Landesstatthalerin Barbara Schöbi-Fink.  dornbirn plus
Kulturhauptstadtteam mit Bürgermeisterin Andrea Kaufmann und Bettina Steindl: Was folgt, sind Gespräche mit Landesstatthalerin Barbara Schöbi-Fink.  dornbirn plus

Vorarlberg ist der EU zu progressiv: Die Kulturhauptstadt-Jury hat viel gelobt und in erstaunlicher Art kritisiert.

Schwarzach Die Nachhaltigkeit, die digitalen Marketingstrategien, das ehrenamtliche Engagement im Land oder die Einbeziehung der Bevölkerung in den Prozess der gemeinsamen Bewerbung von drei Vorarlberger Städten um den Titel Europäische Kulturhauptstadt 2024 haben die Jury beeindruckt. Erstaunlich oder erhellend ist, was als Negativpunkte in jenem Report angeführt wird, der den Vorarlberger Bewerbern nun einige Wochen nach der Bekanntgabe, dass Bad Ischl den Zuschlag erhält, zugestellt wurde. Darin heißt es nämlich, dass das Programm zu progressiv sei, man würde – zusammengefasst – eine etwas gemäßigtere Programmlinie bevorzugen. Bettina Steindl, Leiterin des Büros Dornbirn plus, das so heißt, weil eine der drei Städte Dornbirn, Hohenems und Feldkirch, die gemeinsam mit der Regio Bregenzerwald die Bewerbung einreichten, die Bannerfunktion zu übernehmen hat, kann, wie sie im Gespräch mit den VN betont, auch den negativen Anmerkungen etwas Positives abgewinnen: „Es ist fantastisch, wenn Vorarlberg als progressiv eingeschätzt wird.“

Zu offen für alle

Einer der Vorschläge, den Vorarlberg im Programm hatte und der im Bid Book, den eigentlichen Bewerbungsunterlagen, auch so ausgeführt wurde, müsste alle, die beim Thema Kulturhauptstadt klischeehaft denken und der Meinung sind, dass nicht so viel Geld für Großevents ausgegeben werden soll, beruhigen. Die Vorarlberger schlugen nämlich konkret vor, dass den Vertretern der sogenannten Freien Szene, also kleinen Initiativen oder Theaterunternehmen, eine Million Euro aus dem Gesamtbudget ausgehändigt werden sollte. Diese Summe sollten sie frei verwalten und für eigene Projekte aufwenden können. Die Implantierung einer solchen Idee in das Konzept erachtete die Jury als schwer vorstellbar. Im mündlichen Gespräch des Bewerbungsteams, das vor der Entscheidung nach dem Muster einer Prüfungssituation stattfand, erklärten die Vorarlberger, dass es in Europa keine schlüssigen Ideen gäbe, wie man Migranten in die Kulturprogramme involvieren könnte und dass man darüber diskutieren möchte. Sie stießen auch damit auf wenig Gegenliebe. Steindl: „Wir haben dafür plädiert, laut hörbar darüber zu diskutieren, wie wir inklusiv handeln könnten, ich glaube, das wurde nicht verstanden.“

Zu frauenlastig

Bei all dem Lob, das Bettina Steindl und ihr Team im Bezug auf die innovative Zusammenarbeit der Städte und Regionen entgegennehmen konnten, hat sie ein Kritikpunkt dann doch irritiert. Das Motto „Outburst of Courage“ (Mut­ausbruch) enthielt auch einen feministischen Aspekt. Mit Stefania Pitscheider Soraperra, der Leiterin des Frauenmuseum Hittisau, der einzigen Institution dieser Art in Österreich, im Team, wurde auf die geringe Anzahl der Frauen in Führungspositionen oder auf die Einkommensverhältnisse im Land, das heißt, auf die Benachteiligung von Frauen aufmerksam gemacht. Dieses Thema lässt sich, wovon die Bewerber überzeugt waren, sehr gut, im Rahmen von Kulturprojekten behandeln, um mehr Bewusstsein dafür zu erzeugen. Die EU-Jury, die in einem guten Verhältnis mit Frauen besetzt ist, sah es als zu wenig stringent abgebildet, es stieß aber auch grundsätzlich auf wenig Gegenliebe, denn es hätte nach Meinung der Jury eher wenig mit Kunst und Kultur zu tun. Man vertritt in diesem Entscheidungsgremium somit eher einen engeren Kulturbegriff, von dem sich viele Kunstschaffende in Österreich längst verabschiedet haben.

Mitbewerber von Dornbirn plus waren St. Pölten und die erwähnte Gewinnerstadt Bad Ischl. Auch in der oberösterreichischen Kurstadt hatte man neben viel Lob einige Kritikpunkte zu verdauen. Man vermisse noch die europäische Dimension des Programms, hieß es.

Punkte werden umgesetzt

Wie geht es in Vorarlberg weiter? In den kommenden Wochen findet ein Gespräch mit der für Kultur zuständigen Landesstatthalterin Barbara Schöbi-Fink statt. Diese gab bereits im Gespräch mit den VN bekannt, dass die Konzepte des Teams gerade im Hinblick auf die Zusammenarbeit in den Kommunen in weitere Überlegungen zum Kulturprogramm im Land einfließen sollen. Dabei gehe es auch um konkret ausgearbeitete Anliegen.