Schwergewichtler und Leichthändiges

Kultur / 10.01.2020 • 19:19 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Ausstellungskurator Manfred Egender neben Arbeiten von Christoph Luger und Fabian Marcaccio in der Galerie allerArt. AG
Ausstellungskurator Manfred Egender neben Arbeiten von Christoph Luger und Fabian Marcaccio in der Galerie allerArt. AG

Sieben internationale Künstler stecken bei allerArt den Aktionsradius von Malerei ab.

BLUDENZ Der Geruch von Ölfarbe verrät bereits bei Betreten des allerArt-Galerieraumes, wovon diese Ausstellung handelt. Ja, man kann es förmlich riechen. Es geht um Farbe, um sehr viel Farbe. „Gewicht Farbe“, so auch der Titel, ist die Antrittsausstellung des neuen allerArt-Kurators Manfred Egender, mit dem man im Bludenzer Kunstverein zum Künstler-Kuratoren-Prinzip zurückkehrt. Der gebürtige Bregenzerwälder Egender geht mit seinem Eröffnungsstatement einer Frage nach, die ihn umtreibt, seit er Maler ist: Ist mehr auch tatsächlich mehr? Sprich, wiegt Farbmasse auch in der Wahrnehmungsintensität stärker als minimalistischer Farbeinsatz?

Anhand von sieben internationalen, ausschließlich männlichen, abstrakten und durchwegs gestandenen Positionen und Leihgaben aus Galerien- und Privatbesitz wird der im deutschen Sprachgebrauch allumfassende Begriff der Farbe analog zum ungleich differenzierteren englischen „colour“ und „paint“ aufgedröselt und exemplarisch vorgeführt. Die präsentierten Arbeiten stammen von Christoph Luger (A), Michael Toenges (D), David Reed (USA), Mark Miloff (USA), Thom Merrick (USA), Cédric Teisseire (F) und Fabian Marcaccio (ARG).

Das visuelle Duell zwischen „Farbfleisch“ und malerisch Feinstofflichem wird an den Stirnseiten des Galerieraumes von Michael Toenges (1952) und Christoph Luger (1957) eröffnet. Volumen und Dichte, aufgetürmte und ungestüm aufgeworfene Ölfarbe, in denen sich mittels Pinsel und Spachtel Krater und Furchen eingraben, beim deutschen Maler, der den Moment, wann und wie aus einem Berg Farbe ein Bild wird, untersucht, versus subtile Farblandschaft bei Christoph Luger.

Farbprotze

Die großflächigen Arbeiten des aus Bregenz stammenden Künstlers entstehen aus zusammengesetzten, an die Wand getackerten Papierbahnen- und bögen. Das matte Blass-Rot erinnert an antike Wandmalereien, wirkt aber ungeachtet seiner monumentalen Dimensionen nahezu schwebend, ungemein leicht und poetisch und kann es in Sachen Sinnlichkeit durchaus auch mit den flankierenden Farbprotzen von Mark Miloff (1953) aufnehmen. Dessen Formate sind klein, aber so schwer von Farbe, ja geradezu übergewichtig, dass Teile der Werke abfallen oder zu Boden tropfen.

Zwischen Kringel und Ornament

Subtiler geht es David Reed (1946) an, der hierzulande durch Ausstellungen in Bregenz und St. Gallen, spätestens aber seit der Gestaltung dreier Kirchenfenster für die Rankweiler Basilika, kein Unbekannter mehr ist. Typisch für den US-Amerikaner sind die abgeschliffenen, glatten Oberflächen und sein zwischen Kringel und Ornament oszillierender Pinselschwung, ebenso wie eine abstrakte Malerei, die einerseits in der Tradition des Tafelbildes wurzelt, und andererseits stark mit neuen Medien operiert.

Schwerkraft

Bei Cédric Teisseire (1968) ist Farbe stets im Fluss, wenn der Franzose die Schwerkraft für sich arbeiten lässt. In Bludenz sind es für einmal keine aufgespritzten bunten Streifen, sondern ein monochromes Werk mit einer Haut evozierenden, geschrumpelten Oberfläche. Einen Hauch Ironie trägt Thom Merrick (1963) bei, der 1998 mit aufblasbaren Dinosauriern im Künstlerhaus Bregenz zu Gast war und von dem ein mittels Abklatschtechnik hergestellter Dino-Footprint zu sehen ist. Ein wahrer Farbmacho ist der in New York lebende Argentinier Fabian Marcaccio (1963). In seinen grellbunten Bildern verschmelzen eine Überdosis Farbe, Gewebe, 3D-Gedrucktes und Silikon ebenso wie Collage- und Montage-Verfahren und auch die Themen des Künstlers orientieren sich am Zeitgeschehen. Fazit: Mehr ist auf den ersten Blick mehr, aber Farbe ist weit mehr als nur Materialgewicht, ist Energie. Und so hallen auch die leiseren Töne kräftig nach.

Die Ausstellung ist in der Galerie allerArt, Am Raiffeisenplatz 1, in der Remise Bludenz bis 29. Februar geöffnet, Mi bis Sa, So und Feiertag von 15 bis 18 Uhr.