Nachruf auf Kurt Bracharz von Michael Köhlmeier

Kultur / 14.01.2020 • 18:55 Uhr / 6 Minuten Lesezeit

Kurt Bracharz ist tot. Monika hat es mir am Telefon gesagt. Wir wussten, dass er krank war. Es hat uns getroffen. Er hätte nicht gern gehört, was ich jetzt sage: Er war Mitglied unserer Bande. Wir, das war ein Haufen junger Schriftsteller hier in Vorarlberg vor über vierzig Jahren. Alle die gleichen Hoffnungen, nämlich dass es sich ausgeht, alle die gleichen Befürchtungen, nämlich dass es sich nicht ausgeht. Kurt war der von uns, der am meisten gelesen hatte. Er wusste von Autoren, deren Namen ich nicht einmal kannte. Einer Bande oder einem Club oder einer Gesinnungsgemeinschaft wollte er nie angehören. Ich hätte mich nicht getraut, ihm in die Augen zu sehen und zu sagen: Ich schon. Und als er mich fragte, ob ich den Roman Dya-Na-Sore von Wilhelm Friedrich von Meyern gelesen hätte, traute ich mich nicht zu sagen „Nein“, sondern murmelte etwas wie „… angefangen … reingelesen … darin geblättert …“ und wusste, er glaubt mir nicht. Ich hasste mich, weil ich mutlos war vor ihm. Er konnte über die entlegensten Dinge sprechen, als wären sie Allgemeinplätze; da dachte ich, wahrscheinlich handelt es sich tatsächlich um jedem Bekanntes, nur ich weiß es nicht. Sein Blick teilte den Spreu vom Weizen. Ich war Spreu. Dennoch waren wir befreundet, eng sogar. Ich besuchte ihn oft, er mich nicht seltener. Er wollte mit mir Umgang haben, und ich wusste nicht, auf welches Verdienst hinaus. Ich dachte, er hält von mir mehr, als ich bin, und hoffte, er kommt mir nicht drauf. Er war der absolut Unbestechliche. Er hat sich auch durch Freundschaft nicht bestechen lassen. Wenige Freundschaften halten das aus. Er hat mich ein einziges Mal gelobt, für ein Kapitel aus meinem ersten Roman. Das war wie ein halber Nobelpreis. Gleich fragte er aber, warum ich die anderen Kapitel nicht ähnlich gehalten hätte, alles andere sei Meterware. An sich selbst legte er nicht ähnliche Maßstäbe an, sondern noch härtere (schon zucke ich zusammen, denke, wenn er das läse, würde er mir, wie er es immer tat, bolzgerade in die Augen schauen und sagen: Aha, gibt er also harte und weiche Maßstäbe, das wusste ich nicht …); sich selbst gegenüber war er schonungslos und gnadenlos. Er misstraute jedem Lob. Einen solchen Kritiker wünscht man sich nicht als Autor. Aber es ist gut, wenn man ihn hat. Und wenn man ihn hat, hat man ihn für immer im Kopf. Auch als wir uns später aus den Augen verloren, war er da; ist er da, in meinem Kopf. Wenn ich schreibe, wühlt sich irgendwann die Frage nach vorne: Was würde Kurt Bracharz dazu sagen? Ich bin dann zwar nicht so schonungslos und gnadenlos zu mir, wie er zu sich selbst war, aber härter bin ich dann zu mir, ein bisschen härter.

Ich habe ihm viel zu verdanken. Er hat mich in meiner Liebe zu den Märchen bestärkt – oder habe ich mir das nur eingebildet? Er schenkte mir seine Sammlung, ich finde die Bände in unserer Bibliothek, auf der ersten Seite ist ein Ex libris – „el Topo“ – der Maulwurf. Er gräbt, sagte er, und wenn er in die Sonne schaut, ist er blind. Ob er sich selbst so sehe, fragte ich ihn; das hat mich Mut gekostet. Er antwortete nicht, schaute mich nur an, bolzgerade in meine Augen hinein. Er hat mich aufmerksam gemacht auf den Surrealismus, vor allem auf Antonin Artaud, dafür bin ich ihm dankbar; er hat mich bekannt gemacht mit dem Werk des Amerikaners William S. Burroughs, mit Jack Kerouac, mit Allen Ginsberg; er hat mich aufmerksam gemacht auf Lewis Carroll, den Autor von Alice im Wunderland, er hat diesen Dichter aus der Süßlichkeit gezogen, hat mir an ihm gezeigt, dass auch das Licht der buntesten Farben einen Schatten werfen kann, manchmal einen, in den man nicht eindringen möchte.

Immer fürchtete ich mich ein bisschen vor ihm. Immer hatte ich ein bisschen Angst, er könnte mich auslachen. Einmal, das ist über vierzig Jahre her, fragte er mich: „Würdest du sagen, wir sind Freunde?“ Ach, er sagte das in einem Ton, als wäre Freundschaft der letzte Dreck! Und ich – das tut mir so leid! –, ich hatte Angst mich zu blamieren und sagte: „Eigentlich nicht, nein.“ Das war sehr feig. Und nicht die Wahrheit. Denn ich meinte ja, wir sind Freunde. Jetzt ist Kurt Bracharz tot, und ich kann ihm diese alte Frage nicht mehr anders beantworten.