Hier streiken die Tycoons

Kultur / 16.01.2020 • 10:15 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Die Schauspieler singen ihre Parts in „Der Streik“ am Schauspielhaus Zürich alle durchaus achtbar. Schauspielhaus/Folly
Die Schauspieler singen ihre Parts in „Der Streik“ am Schauspielhaus Zürich alle durchaus achtbar. Schauspielhaus/Folly

An Bühnen der Region: „Nicolas Stemann hat Ayn Rands Erfolgsroman „Atlas Shrugged“ überschrieben.

ZÜRICH „Atlas zuckte mit den Schultern“ bedeutet in wörtlicher Übersetzung der Titel des Gesellschaftsromans von Ayn Rand, der im Boom-Jahr 1957 in den USA herausgebracht wurde. Dort soll „Atlas Shrugged“ als wichtigstes Buch nach der Bibel gelten. Die wirtschaftspolitische Propaganda im Gewand eines dickbauchigen Gesellschaftsepos mit Science-Fiction-Einschlag von weit über 1000 Seiten ist auf Deutsch letztmals unter dem Titel „Der Streik“ erschienen. Und so heißt auch die jetzt am Schauspielhaus Zürich, in der Schiffbauhalle, uraufgeführte Version, für die der Nicolas Stemann die Vorlage überschrieben hat.

Die russisch-amerikanische Autorin Ayn Rand (1905-1982) entführt uns in eine Welt von Großunternehmern, die in den Streik treten, um ihrem Gewinntrieb umso ungestörter nachleben zu können. Und wenn Atlas seine Last abwirft, müsste die Welt doch eigentlich merken, welches Gewicht die Tycoons schultern.

Stemann hat für seine satirische Bearbeitung der Vorlage die Gattung des Musicals gewählt und für viele Möglichkeiten genutzt. Alicia Aumüller gibt hier sehr schön die eiskalt berechnende Eisenbahn-Industrielle. Sebastian Rudolph ist ein herrlich aasiger Stahl-Magnat und dessen Bruder bei Daniel Lommatzsch ein großsprecherisch-subventionssüchtiger Theaterregisseur. In weiteren Rollen überzeugen Matthias Neukirch, Thelma Buabeng, Kay Kysela und Sachiko Hara.

Stilistisch weite Spur

Zusammen mit musikalischen Mitstreitern hat Nicolas Stemann eine live vergegenwärtigte Partitur komponiert, die stilistisch ein weite Spur zieht vom Kurt-Weill-Ton à la „Dreigroschenoper“ über einen ironisch eingefärbten sülzigen Musical-Breitwand-Sound und die Popballade bis hin zu fetzigem Rap. Die Schauspieler singen ihre Parts alle durchaus achtbar. Die Bühne mit Showtreppe, Wirtschaftskapitäns-Brücke und Manhattan-Miniaturmodell, die typengerechten Kostüme und die Videospur tragen zu etwas Glamour bei oder deuten Armut an und weiten den Raum, indem zum Beispiel Bilder geistiger Jünger von Ayn Rands Kapitalismus-Bibel wie vom langjährigen ehemaligen US-amerikanischen Notenbankpräsidenten Alan Greenspan groß aufscheinen. Mächtige und Arme (auch mit grotesken Masken angetan) prallen aufeinander. Es wird gewitzelt, gekalauert, gekaspert. Dann und wann wird es in dem Variété gefühlvoll, sogar ernst. Und nicht nur die Mächtigen bekommen ihr Fett ab, sondern auch die andere Seite wird mit Kritik bedacht. Torbjörn Bergflödt

Weitere Vorstellungen des Stücks bis 24. Februar: www.schauspielhaus.ch