Stets im Auge, was die Gesellschaft braucht

Kultur / 16.01.2020 • 19:20 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Montforter Zwischentöne beschäftigen sich mit Erkenntnis.

Feldkirch Was bedeutet es, sich zu verlieren? Wann ist ein Sichverlieren wünschenswert und wann nicht? Diesen Fragen widmen sich die Montforter Zwischentöne. Neben der Erfahrung des Sichverlierens als einem Erlebnis tiefer Berührung und manch neuer Erkenntnis gehen die Festivalleiter Hans-Joachim Gögl und Folkert Uhde auch einer aktuell hoch brisanten Frage nach:  Wo haben wir uns in der Komplexität unserer Welt verloren, weil wir als Individuen, aber auch als Gesellschaft nicht aufgepasst haben?

Es war eines der größten musikalischen Experimente der Musikhistorie, als Monteverdi seinen „L’Orfeo“ schuf:  Erstmals erzählte ein Komponist eine Geschichte mit Musik, die Oper war geboren. Orpheus verliert am Tag seiner Hochzeit durch einen Schlangenbiss seine Braut Euridice. Er macht sich auf in die Unterwelt und versucht das Unmögliche, seine Geliebte zurückzuholen. Am 29. Februar tritt die Musik Monteverdis mit den Gedanken des Theologen und Soziologen Reimer Gronemeyer in Resonanz, der über die zentralen Themen dieser wahrscheinlich berühmtesten Liebesgeschichte der abendländischen Kultur reflektiert. Es musiziert das Concerto Stella Matutina mit Jakob Pilgram (Tenor) als Orpheus und Tanja Vogrin (Mezzosopran, Harfe) als Euridice.

Was verlieren wir ohne Gewissheiten, Muße und Privatsphäre? Während andernorts noch vor gesellschaftlichen Konsequenzen gewarnt wird, gehen die Montforter Zwischentöne einen provokanten Schritt weiter: Neben weiteren Konzerten tragen sie etwa die Gewissheiten, die Muße und die Privatsphäre an drei Abenden vom 26. bis 28. Februar gleich zu Grabe. Mit Philosophie, Musik und Architektur – und vielleicht doch mit der nicht ganz aufgegebenen Hoffnung, dass es für eine Rettung doch noch nicht zu spät ist. Die Trauerreden halten die Philosophin Alice Lagaay, der ehem. Bundesdatenschutzbeauftragter von Deutschland Peter Schaar und der Philosoph Thomas Macho. Dazu gibt es Musik von Corelli, Rameau, Ravel, Gershwin oder Carola Bauckholt, gespielt vom Vienna Reed Quintet. Augustin Jagg liest, die Vorarlberger Baukünstler Helmut Dietrich und Hugo Dworzak gestalten die Bestattungskapelle.

Kooperation mit dem Kunsthaus

Trauerrituale stehen auch bei der Kooperation der Montforter Zwischentöne mit dem Kunsthaus Bregenz auf dem Programm. Am 29. Februar führen Thomas Macho und KUB-Direktor Thomas D. Trummer ein öffentliches Gespräch und laden zur Dialogführung durch die aktuelle Ausstellung der US-Künstlerin Bunny Rogers.

Hugo-Wettbewerb

Am 4. Februar findet das Finale des Wettbewerbs für neue Konzertformate statt. Aus zahlreichen Einsendungen sind vier Teams  eingeladen. Die Jury ist mit Frauke Bernds, Leiterin Konzertplanung Kölner Philharmonie, Peter Paul Kainrath, Intendant Klangforum Wien, Maximilian Maier, Musikredakteur Bayerischer Rundfunk und Sarah Wedl-Wilson, Rektorin an der Hanns Eisler Hochschule, besetzt. VN

„Kultur ist kein schmückendes Beiwerk. Sie ist vielmehr Ausdrucksform der Gesellschaft.“

Die nächsten Montforter Zwischentöne findet in Feldkirch vom 3. bis 29. Februar statt. Hugo-Wettbewerb: 4. Februar, Konzertprogramm ab 14. Februar.