Zutiefst menschliche Erfahrung

Kultur / 16.01.2020 • 20:18 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Bunny Rogers hat die Werke eigens für die Räume geschaffen: Mit „Kind Kingdom“ ist die erste Ausstellung dieses Jahres im Kunsthaus Bregenz betitelt. Vn/Paulitsch
Bunny Rogers hat die Werke eigens für die Räume geschaffen: Mit „Kind Kingdom“ ist die erste Ausstellung dieses Jahres im Kunsthaus Bregenz betitelt. Vn/Paulitsch

Mit Bunny Rogers befasst sich eine sehr junge Künstlerin qualitätsvoll mit einem der ältesten Themen der Kunst.

Bregenz Als Adrián Villar Rojas sein „Theater of Disappearance“ im Sommer 2017 über das Kunsthaus Bregenz ausbreitete, wagte man es nicht, anzunehmen, dass kurze Zeit nach dem 20-Jahr-Jubiläum dieser Einrichtung wieder eine sich über alle Stockwerke ziehende, viel erzählende und berührende, aus unterschiedlichen Natur- und Baumaterialien bestehende Installation realisiert werden kann. Nachdem der Argentinier sich der Welt- und Menschheitsgeschichte annahm, rückt bei der jungen US-amerikanischen Künstlerin Bunny Rogers (geb. 1990 in Houston) das zutiefst Menschliche, die zutiefst menschliche Erfahrung in den Fokus.

Mit „Kind Kingdom“, so der Titel ihrer Show, die sie nach amerikanischen Gepflogenheiten so und eben nicht Exhibition nennt, verwandelt sie das Haus in ein liebevolles Reich, in dem die härtesten aller Themen im Grunde genommen zwar kein wirkliches Bild erhalten, in dem ihnen aber dennoch nicht ausgewichen werden kann. Bei aller Melancholie, die nie zur Sentimentalität verkommt, versteht Rogers, die mit einzelnen Arbeiten zuletzt etwa im großen Museum Hamburger Bahnhof in Berlin oder in der Fondation Louis Vuitton in Paris und auf der Art Basel vertreten war, die Mittel der Abstraktion auf ihre Art so auszuschöpfen, dass Stimmungen erzeugt werden. Und zwar jene, die man nicht als aufgezwungen empfindet, sondern die jedem Einzelnen Spielraum lassen.

Auch wenn der Grabhügel im Erdgeschoß, die Bouquets, die Schleifchen und Kärtchen und sogar die Glühwürmchen auf dem eigens ausgelegten echten Rasen, Eindrücke vermitteln, die nicht nur pragmatisch ausgerichtete Betrachter nahe an der Grenze zum Kitsch verorten, erweist sich die Arbeit als intelligent unterlegt. Und sie ist auch dann qualitätsvoll, wenn man sich auf der zweiten Ebene anfangs leicht irritiert inmitten einer Art Assemblage aus Müll, Erinnerungsstücken oder weggeworfenen Essensresten wiederfindet, die von einer stattgefundenen Trauerfeier zeugen und mit keinem der hervorragenden computergenerierten starren oder bewegten Bilder von Bunny Rogers konfrontiert wird.

Partizipation und Empathie

Sie habe eine Arbeit, in der sie auf das eigene Begräbnis anspielt, nicht wieder verwendet, sondern das mehrteilige Werk für Bregenz darauf aufgebaut, erzählt sie und erwähnt ohne Scheu, schon früh mit Depression konfrontiert gewesen zu sein. Es ist ein Selbstbildnis, das man neben dem überdimensionierten Grabhügel gleich im Erdgeschoß wahrnimmt. Die dargestellte junge Frau blickt sozusagen im Weggehen ruhig auf die Hinterbliebenen zurück. Die Auseinandersetzung mit der Krankheit mag die Themen ihres bisherigen Gesamtwerks bestimmt haben. Bei aller Theatralität zeichnet sich auch hier ein intellektueller Zugang ab, der die Möglichkeit der Partizipation einbezieht. Trauern bezeichnet Bunny Rogers als etwas Lebensbejahendes. Trauern eint die Menschen. Wir wissen, dass das fast weltumspannende öffentliche Trauern nach dem Unfalltod von Prinzessin Diana nicht nur einer Person galt, deren stets präsenten medialen Bilder viele über Jahrzehnte begleitet haben und somit Teil einer Lebensphase waren, es wurden damit auch stellvertretend individuelle Verluste betrauert. Die Ermöglichung eines liebevollen Erinnerns an einen Menschen ist Bunny Rogers ebenso wichtig wie das Zulassen oder das Fördern von Empathie.

Assoziationsreich

In der Videoarbeit und Installation „Mandy‘s Piano Solo“, die vor wenigen Jahren in Berlin gezeigt wurde, thematisiert sie auf vielschichtige Art das Massaker an der Columbine High School in Colorado. Damals war sie erst neun Jahre alt. Dabei darf man nicht vergessen, dass seither eine ganze Generation mit derlei Gewalttaten an Schulen konfrontiert ist. Wie sollen wir damit umgehen? Nach der Schönheit, die ihre Betonskulpturen mit verwelkenden Rosen ausstrahlen, konfrontiert sie uns mit der Kälte eines riesigen Duschraumes, der ins KUB hineingekachelt wurde. Es ist ein nahezu leerer Raum voll von Assoziationen, die sie geschickt den Besuchern überlässt.

Die Themen Trauer, Melancholie, Angst, Schmerz und die Wichtigkeit von Empathie behandelt Bunny Rogers in ihrer neuen Arbeit, die bis 13. April im Kunsthaus zu sehen ist.

Die Themen Trauer, Melancholie, Angst, Schmerz und die Wichtigkeit von Empathie behandelt Bunny Rogers in ihrer neuen Arbeit, die bis 13. April im Kunsthaus zu sehen ist.

In ihrer Arbeit für die Billboards thematisiert Bunny Rogers eine besondere öffentliche Trauer, nämlich jene nach dem Tod von Prinzessin Diana. KuB/Tretter
In ihrer Arbeit für die Billboards thematisiert Bunny Rogers eine besondere öffentliche Trauer, nämlich jene nach dem Tod von Prinzessin Diana. KuB/Tretter

Eröffnung am 17. Jänner, 19 Uhr, im Kunsthaus Bregenz. Zu sehen bis 13. April, Di bis So, 10 bis 18 Uhr, Do bis 20 Uhr: www.kunsthaus-bregenz.at