Das Porträt einer ganzen Epoche

Kultur / 17.01.2020 • 18:21 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Die JakobsbücherOlga Tokarczuk, Kampa Verlag, 1174 Seiten

Die Jakobsbücher

Olga Tokarczuk, Kampa Verlag, 1174 Seiten

Ein Buch wie ein Monumentalgemälde.

Roman Sie sei in ihrem Schaffen am meisten geprägt von der multikulturellen Tradition Polens, finde dort ihre Vorbilder, sagte Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk im Oktober auf der Frankfurter Buchmesse. Erst wenige Tage zuvor hatte sie erfahren, dass sie den Literaturnobelpreis erhält. Und gerade diese multikulturelle, multiethnische und multireligiöse Welt ihres literarischen Vorbilds, des polnischen Schriftstellers Bruno Schulz, bestimmt auch „Die Jakobsbücher.“ Mit fast 1200 Seiten Umfang, mit vielen Erzählsträngen und handelnden Personen brauchen die Leser Zeit und Geduld.  Abschrecken sollte das keinesfalls. Denn „Die Jakobsbücher“ ist ein epischer, gewaltiger historischer Roman. Tokarczuk schreibt bildhaft und poetisch, voller Reflektionen über Nationen und Grenzen, über Religion und Mystik, über enge Welten und große Geister. Von Rohatyn in der heutigen Westukraine bis nach Offenbach führt dieser große Roman über Jakob Frank, der als „Luther der Juden“ galt – für die einen ein Ketzer und Scharlatan, für die anderen ein Messias, ein Mann, der Religionen und Nationalität wechselte, der faszinierte und abstieß.

Olga Tokarczuk zeichnet die Welt, in der sich Frank und die vielen anderen Charaktere bewegen, wie ein Monumentalgemälde auf der literarischen Großleinwand. Voller Wucht bereits die Beschreibung eines Markttags in Rohatyn auf den ersten Buchseiten, von strohbedeckten Katen, von Kirchen und Synagogen, vom Alltag und der Armut der kleinen Leute. „Je tiefer der Blick in die Seitengassen dringt, desto schärfer springt die Armut ins Auge, wie eine ungewaschene Zehe im löchrigen Stiefel“, schreibt sie. „An den Lumpen ist nicht zu erkennen, ob es jüdisches, orthodoxes oder katholisches Elend ist. Die Armut kennt weder Konfession noch Staatspapiere.“

Diese Welt im heutigen Südostpolen und der heutigen Westukraine ist auch die Region, in der der Chassidismus seinen Ursprung hatte, aber auch Mystiker. So eben auch Frank, der im Osmanischen Reich zum Islam, später in Polen mit seinen Anhängern zum Christentum konvertierte. Für ihn waren Grenzen in Tokarczuks Buch fließend. Die vielen Details, die präzisen Schilderungen lassen ahnen, wie viel Zeit Tokarczuk mit der Recherche verbracht haben muss. Wien und Warschau, Offenbach und Lemberg, Adels- und Bischofspaläste wie auch die Welt der Gassen und der Strohhütten sind die Handlungsorte der „Jakobsbücher“ und auch wenn es um die Lebensgeschichte Jakob Franks geht, handelt es sich doch eigentlich um das Porträt einer ganzen Epoche. Dass dabei der polnische Adel und Klerus nicht immer vorteilhaft wegkommen, dass etwa ein aus der Leibeigenschaft geflohener polnischer Bauer oder zwei ukrainische Waisen bei jüdischen Familien Zuflucht gefunden haben, hat Tokarczuk in Polen Schmähungen national denkender Leser eingebracht. „Die Jakobsbücher“ ist ein faszinierendes Buch, das in der deutschen Fassung auch eine fulminante Leistung der Übersetzer ist.