Kunst für alle Sinne und zum Überleben

Kultur / 17.01.2020 • 22:30 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
 Müller und Divjak plädieren für eine Zukunftsgestaltung, die den nächsten 77.000 Generationen auf der Erde Chancen lässt. <span class="copyright">AG </span>
Müller und Divjak plädieren für eine Zukunftsgestaltung, die den nächsten 77.000 Generationen auf der Erde Chancen lässt. AG

Starke Ausstellungen von Müller-Divjak und Christian Helbock im Bregenzer Künstlerhaus.

BREGENZ Zum Auftakt des Ausstellungsjahres 2020 im Bregenzer Künstlerhaus gibt es Kunst für alle Sinne: Jeanette Müller und Paul Divjak betören mit Düften und plädieren für eine Zukunftsgestaltung, die auch den nächsten 77.000 Generationen auf dem Planeten eine Chance lässt. Der Vorarlberger Künstler Christian Helbock, der Theater-, Film- und Medienwissenschaft sowie Philosophie studiert hat und in den Bereichen Konzept, Malerei, Video und Performance tätig ist, macht seine Ausstellungsbesuche in verschiedensten Institutionen zur erweiterten Form des Kunstschaffens.

Zeithorizonte

Spätestens in unvorstellbaren etwas mehr als zwei Millionen Jahren, wenn die Strahlkraft der Sonne jegliches Leben auf der Erde unmöglich macht, hat es sich mit unserem Heimatplaneten erledigt. Noch Zeit für 77.000 Generationen haben die beiden Konzeptkünstler Jeanette Müller und Paul Divjak ausgerechnet. Das seit 2005 kollaborierende und seit 2013 unter „Mueller-Divjak“ firmierende, in Wien und Südostasien lebende Duo beschäftigt sich mit Installationen, Collagen, Texten sowie Artistic Research. Ihre überaus facettenreiche, aktuelle Schau „77.000 Generations – Berta says: We need to find a new conception of man“ hat von allem etwas, ist Spiegelbild unserer Zeit und Blick in die Zukunft zugleich. In einem Szenarium, das nicht düster und endzeitlich ist, sondern voller Poesie, Musik und komponierter Wohlgerüche, deswegen aber nicht weniger eindringlich, fordern Müller-Divjak zum Eintauchen in neue Denk- und Handlungsräume auf. Zur Seite steht ihnen die Kunstfigur Berta, in Anlehnung an Maria Magdalena und Ludwig von Bertalanffy, als Schöpfer der Systemtheorie. In Zitaten, wie dem fotografischen Ausblick in den sommerlichen Park, der Struktur der Wege oder dem Herbstlaub aus dem Park, das eine weitere Jahreszeit ins Haus holt, arbeiten Müller-Divjak punktgenau auf den Ort hin. Sie dehnen nicht nur den Zeithorizont, sondern auch den Raum, wenn sie in Asien entstandene oder von anderen Kulturkreisen inspirierte Arbeiten schaffen, und anstelle eines fragmentierten Erfassens eine gesamthaftes Weltsicht anstreben. Zirkular, statt linear und global statt im eigenen Denken verhaftet. Gleichzeitig proklamieren sie einen sinnlichen Zugang und „Kunst für alle“. Mit inszenierten Dinners als soziale Skulptur, holen sie unterschiedlichste Leute an eine Tafel, während die Collagen dahinter als Hommage an den Mann mit dem Filzhut in Beuys-grauen Rahmen gezeigt werden.

Wohnliche Interieurs

Die Bild- und Welterfahrung des Künstlers in unterschiedlichsten Kunst-Räumen stehen im Fokus der rund 120 Arbeiten aus den letzten 15 Jahren umfassenden Ausstellung „egami“ von Christian Helbock. Die Befragung des Ausstellungswesens und seiner Mechanismen, die bereits im Atelier als Ort der Kunstproduktion, ansetzt sowie die Untersuchung musealer Präsentationsstrukturen erfolgt zumeist im Medium Fotografie. Auch Video, Zeichnung, Malerei, Collage und Installation sind probate Mittel. Dazu gesellen sich Textilien und Möbel aus der Sammlung des Künstlers, wie Kunststoffstühle aus den 1970ern, ein Sessel von Franz West oder ein selbst gebauter Tisch, die innerhalb der Schau fast wohnliche Interieurs schaffen. Am Beginn, den Blick auf die Blackbox versperrend, die normalerweise eben für die Präsentation von Videoarbeiten genutzt wird, steht eine Projektion. Sie zeigt einen Museumswärter im Hamburger Bahnhof in Berlin, der in einer Installation von Susan Philipsz seine Runden dreht. Der Ton dazu entstammt einer Komposition von Hanns Eisler, mit der sich Philipsz 2016 auch im Kunsthaus Bregenz befasst hat und die nun die Ausstellung von Christian Helbock begleitet. Helbocks Recherche gilt häufig nicht den Exponaten in den Ausstellungshäusern, als vielmehr Abläufen, Nebensächlichkeiten, Details und scheinbar zufälligen Situationen. Etwa wenn eine Fotoarbeit von Wolfgang Tillmans, einem Meister der Inszenierung, just neben Hinweisschildern zu Notfall und Fluchtweg im genau gleichen Farbspektrum hängt. Auch Appropriation, das „Entwenden“ von Dingen, praktiziert Helbock, und so gilt es, wie in einem Suchspiel, Arbeiten von renommierten Kollegen wie Félix Gonzàlez-Torres oder Gregor Schneider in der Schau zu entdecken.

 Christian Helbock hinterfragt Mechanismen des Ausstellungswesens.
Christian Helbock hinterfragt Mechanismen des Ausstellungswesens.

Unter den drei Videoarbeiten ist auch ein Interview mit dem österreichischen Künstler Heimo Zobernig, Nudelsuppe essend und Apfelsaft trinkend, oder ein Gespräch mit dem deutschen Filmemacher und Philosophen Alexander Kluge zur dialogischen Form des Interviews. Dazwischen hängt ein Selbstporträt in einem Lagerfeld-Pulli mit einer afrikanischen Maske vor dem Gesicht, das in seiner Verwischtheit an Gerhard Richter erinnert. Oder die verschiedenfarbigen Kunststoffplanen, die als Hintergrund für die 2018 vom Land angekaufte Reihe von Video-Interviews gedient haben. Immer wieder wartet die Schau mit Hinweise und Referenzen auf. Dinge wiederholen und finden sich und überführen am Ende die Arbeit „Identity is overrated“ (Identität wird überbewertet) vollends ins Ironische. Ariane Grabher

Die Ausstellung ist im Künstlerhaus Palais Thurn und Taxis, Gallusstraße 10, Bregenz, bis 1. März geöffnet, Di bis Sa von 14 bis 18, Sonn- und Feiertag von 11 bis 17 Uhr.