Beethoven in Luxusbesetzung

Kultur / 19.01.2020 • 18:24 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Der Wiener Weltklasse-Pianist Rudolf Buchbinder ist einer  der profiliertesten Beethoven-Interpreten unserer Zeit. Mittelberger
Der Wiener Weltklasse-Pianist Rudolf Buchbinder ist einer  der profiliertesten Beethoven-Interpreten unserer Zeit. Mittelberger

Pianist Buchbinder und die Symphoniker glänzten mit drei Klavierkonzerten.

BREGENZ „Alles Beethoven!“ ist der weltweite Schlachtruf im Jahr seines 250. Geburtstages. Doch während man andernorts diesen Anlass mit pompösen Beethoven-Shows in Szene setzt, zelebrierten die Meisterkonzerte am Samstag im überbuchten Festspielhaus die Antithese dazu: ein wohltuend anderes Fest, in sich gekehrt, ganz der Schönheit der Musik Beethovens gewidmet, wie es sich der Komponist wohl selbst gewünscht hätte. Dafür steht der Wiener Weltklasse-Pianist Rudolf Buchbinder, der als einer der profiliertesten Beethoven-Interpreten wieder einmal hier gastierte und drei Klavierkonzerte des Titanen so innig spielte, dass auch die späteren Werke oft mehr nach Mozart klangen.

Dazu passt auch die Tatsache, dass Buchbinder auf einen Dirigenten verzichtet und die ihm lebenslang verbundenen Wiener Symphoniker gleich selbst vom Klavier aus leitet. Unser Festspielorchester hat sich zuletzt durch seinen Symphonien-Zyklus unter Philippe Jordan den Ruf eines führenden Beethoven-Orchesters erspielt. Und die Musiker ziehen auch hier voll mit, setzen in kammermusikalisch reduzierter Besetzung mit etwa 40 Musikern Buchbinders behutsam ausgelotetes Dialog-Konzept in höchster Konzentration um. Wenn er keine Hand zum Dirigieren frei hat, muss der Kopf herhalten oder die neue, aus Augsburg stammende Konzertmeisterin Sophie Heinrich, um das subtile Gefüge zusammenzuhalten. Freilich beinhaltet dieser Kompromiss auch Risiken im Zusammenspiel, die hier jedoch in akzeptabler Toleranz bleiben.

Makellose Technik

Man erinnert sich dabei gerne an das übermenschliche Kraftpaket, bei dem Buchbinder und die Symphoniker 2003 in Wien gleich alle fünf Klavierkonzerte Beethovens an einem Tag stemmten. Diesmal sind es „bloß“ drei, und doch gehen die Vermutungen quer durchs Publikum, warum es gerade die drei Mittleren sind und warum man sie nicht in chronologischer Reihenfolge spielt. Klar: Buchbinder betont damit seine ausgeklügelte Programmdramaturgie und stellt das Konzert Nr. 2 in B-Dur, das am stärksten von allen und mehr noch als das später entstandene erste dem prägenden Geist Mozarts verhaftet ist, an den Beginn. Da perlen die Läufe am Klavier, die dank makelloser Technik ganz wie von selbst und ohne die kleinste Unschärfe abschnurren.

Verträumte Lyrismen

Mit dem folgenden Konzert Nr. 4 in G-Dur erreicht Buchbinder so den stärksten Kontrast, denn da lässt Beethoven zum ersten Mal die herauf dämmernde Epoche der Romantik ahnen. Im langsamen Satz harmoniert die fast religiöse Geschlossenheit der Streicher perfekt mit den verträumten Lyrismen am Steinway.

Das mittlere Werk Nr. 3 im „heroischen“ c-Moll steht als Solitär in konzertant betonter Struktur zwischen diesen beiden Welten. Doch auch hier vermisst man die sonst gerne benutzte donnernde Pranke des Klaviersolisten, alles bleibt in kontrollierten und darum extrem glaubhaften Bahnen. Zu exzellenten Gustostückerln werden die Kadenzen, die Buchbinder wundervoll ausziert, während sich die in allen drei Stücken in Rondoform angelegten Finalsätze für das Publikum als längst bekannte Gassenhauer entpuppen. Seine stoische Ruhe und Überlegenheit sind besondere Merkmale von Buchbinders Spielweise. Doch statt starrer Routine wirkt bei ihm alles spannend, wie neu erschaffen und enthält dennoch all das, was diese Musik bis heute so unsterblich gemacht hat wie Beethovens unbekannte Geliebte. Es ist offenbar Buchbinders Lebenselixier, das ihn auch mit 73 noch so frisch, lebendig und sympathisch bescheiden hält. Das Publikum huldigt ihm ebenso wie den glänzend aufgelegten Symphonikern, die damit ein Alltagsmenü ihres Orchesterdaseins zum köstlichen Geburtstags-Dessert hochstilisiert haben: Beethoven in Luxusbesetzung zum Niederknien.

Nächstes Bregenzer Meisterkonzert: 23. Februar, 19.30 Uhr, Festspielhaus: Staatliches Sinfonieorchester Russland, Dirigent Andrei Boreiko, Solist Niemanja Radulovic