Literaturhaus Hohenems: Ein Ort starker Geschichten

Kultur / 23.01.2020 • 07:30 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Vor knapp einem Jahr wurde das Projekt Literaturhaus im Beisein des damaligen Kulturlandesrats Christian Bernhard vorgestellt. Erst in frühestens zwei Jahren soll es eröffnet werden. VN/KH

Geöffnet ist das Literaturhaus Hohenems noch nicht, aber in fast ganz Europa bekannt.

Christa Dietrich

Hohenems Schulkinder in Chisinau, der Hauptstadt von Moldawien, wissen mittlerweile ziemlich genau, was sich hinter den Toren der markanten Gründerzeitvilla an der Einfahrt zum Stadtzentrum von Hohenems abgespielt hat, das Haus selbst bleibt vorerst aber noch mehr oder weniger verschlossen. Das ist ein interessanter Fakt in der Stadtentwicklung von Hohenems, aber wer sich die Geschichte genauer anhört, kommt zum Schluss, dass sie erstens kaum passender sein könnte, und dass es zweitens durchaus von Vorteil ist, wenn sich die Errichtung eines Ortes für die Literatur noch etwas hinzieht, bzw., wenn das vor einem knappen Jahr angekündigte Literaturhaus somit nur nach und nach, und zwar in sehr kleinen Schritten eröffnet wird.

Die Villa Rosenthal in Hohenems von der Parkseite.
Die Villa Rosenthal in Hohenems von der Parkseite.

Gründerzeitpracht

Damals, im Februar 2019, bekundeten der damalige Kulturlandesrat Christian Bernhard und der Hohenemser Bürgermeister Dieter Egger die Einigung auf die Nutzung eines Teils der Villa als öffentlich zugängliches Literaturhaus. Im ersten Jahr stellte man dafür 60.000 Euro zur Verfügung, heuer werden es 70.000 Euro sein und im kommenden Jahr wird die Summe wiederum um 10.000 Euro erhöht. Das Haus, das in seiner Gründerzeitpracht vom jüdischen Fabrikantenehepaar Iwan und Franziska Rosenthal Ende des 19. Jahrhunderts errichtet und von deren Erbin vor ihrer Flucht aus Österreich im Jahr 1938 verkauft wurde, gehört mittlerweile einer privaten Investorengruppe. Neben der geplanten Errichtung eines Beherbergungs- und Gastronomiebetriebes, stehen einige Räume somit auch Literaturvermittlern, Autorinnen und Autoren zur Verfügung.

Europäisches Schülerprojekt

Die Vereinigung Netzwerk Literatur Vorarlberg wurde gegründet, Frauke Kühn ist die Geschäftsführerin. Dass es bisher nur wenige Veranstaltungen gab, führt sie auf die Tatsache zurück, dass die Räume derzeit nur von einer beschränkten Zahl von Besuchern betreten werden dürfen und das Haus in den Wintermonaten nicht beheizbar ist.

„Noch ist das Haus nur eingeschränkt nutzbar, aber es ist eine riesige Chance.“

Frauke Kühn, Netzwerk Literatur Vorarlberg

Ein großartiges Schülerprojekt hat man dennoch gestartet. Schüler aus Lustenau und Feldkirch haben sich dafür mit Kolleginnen und Kollegen aus verschiedenen europäischen Städten, nämlich aus Dublin, Kopenhagen, Turin und Chisinau vernetzt. Beabsichtigt ist das Verfassen einer Geschichte in Fortsetzungen, die in der jeweils anderen Stadt entsteht. Bereits die gewählte Ausgangssituation hört sich sehr kreativ an: Die Schülerinnen und Schüler wurden zu einer Führung mit einer Kulturvermittlerin in die Villa Rosenthal geladen, Notizen sollten dabei keine gemacht werden, was man sah und erfuhr, sollte aber zu einem literarischen Text führen, der wiederum mit den Teilnehmern in den erwähnten Städten geteilt wurde. In Kopenhagen, Dublin, Turin und Chisinau weiß man somit nicht nur Bescheid, man weiß auch, was das Betreten der Räumlichkeiten, in denen die Zeit quasi stillgestanden ist, in jungen Menschen auslöst.

Die Villa Rosenthal in Hohenems von der Straßenseite
Die Villa Rosenthal in Hohenems von der Straßenseite

Moderne Literaturformen

Wie geht es weiter? Frauke Kühn berichtet von zahlreichen Gesprächen mit Vertretern der Stadt Hohenems, den Zuständigen in der Kulturabteilung des Landes und dem Unternehmer Markus Schadenbauer, der die Sanierung und den Ausbau koordiniert. Jenem Bild, das man sich beim Begriff Literaturhaus abruft, soll auch die Einrichtung in Hohenems entsprechen, auch wenn noch nicht exakt feststeht, wie viel von den 1500 Quadratmetern Nutzfläche für die Literatur reserviert sind. Seminar- und Veranstaltungsräume sowie Büroräume wird es aber jedenfalls geben. Frauke Kühn geht davon, dass das Literaturhaus dann eine Zukunft hat, wenn man in Hohenems auch stets Präsenz zeigen kann. Dass grundsätzlich auch moderne Literaturformen, etwa Graphic Novels, eine qualitätsvolle Art der Comics, im Programm Berücksichtigung finden, steht außer Frage, wenn man erkundet, was man demnächst vorhat. Der Schweizer Comiczeichner und Architekt Matthias Gnehm wird sich nämlich mit dem Haus auseinandersetzen und eine Arbeit entwerfen. Am 26. und 27. März dieses Jahres ist er in Hohenems. Öffentlich zugängliche Veranstaltungen sind geplant.