Schreine für liebgewordene Dinge

Kultur / 23.01.2020 • 17:30 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Arbeit von Sabine Ott. AG

Kunstvolle Schreine und mehr sind in der Schau „Tabernakel expanded“ im Bildraum Bodensee zu sehen.

BREGENZ Er ist wie ein kleiner Tresor in der Kirche, eingelassen in den Altaraufbau oder freistehend, und er birgt ja auch das Allerheiligste – der Tabernakel. Wie relevant ist dieser kultische Gegenstand aus heutiger Sicht und wie kann der geheimnisvolle „Zauberschrank“ im 21. Jahrhundert aussehen? Diese Fragen hat sich der Kärntner Designer Walter Hösel gestellt und im 2019 initiierten Gestaltungsexperiment „Tabernakel“ an eine Reihe von Künstlerinnen und Künstlern weitergegeben. Die haben sich, wie die im Künstlerhaus Klagenfurt präsentierten Objekte bewiesen haben, der Aufgabe mit Hirn, Herz und viel, viel kreativer Lust gestellt.

Drei Vorarlberger

Einer der beteiligten Künstler, Michael Kos, erweitert das Thema nun im Bildraum Bodensee um seelen- und wahlverwandte Werke und mit Markus und Christof Getzner, Roland Adlassnigg und Harald Gfader auch um drei Vorarlberger Positionen. „Tabernakel expanded“ heißt es nun also mit 32 Werken und schon im Hauptraum ist die ganze Bandbreite aufgezeigt: von Arnulf Komposchs traditionellem Kästchen, außen rustikal und wehrhaft mit Nieten besetzt, innen mit betörender Spiegelstruktur und einem Kelch, bis hin zum transparenten, von allen Seiten einsichtigen magenta-farbenen Glaskörper von Armin Guerino, dessen Inneneinteilung vom Goldenen Schnitt diktiert wird. Zwei angeschnittene Holzzylinder von Tomas Hoke nehmen die Idee der zwei miteinander verwachsenen Bäume aus dem antiken Mythos Philemon und Baucis auf, und stehen in ihrer massiven Materialität in größtmöglichem Kontrast zum schwebenden Tablet als digitaler Tresor von Michael Lammel. Theres Cassini zeigt den Tabernakel als mit Samtbändern üppig verzierte Eizelle und als „Ursprung der Welt“, während es hinter dem Bauch des interdisziplinär agierenden Designduos Honey and Bunny tatsächlich um die Wurst geht. Das alles Heilige letztlich im Bauch landet, zeigt Melitta Moschik auf: Unter einer Goldbarrenform liegt ein duftender Laib Brot und gleich daneben huldigt Roland Adlassnig dem hochprozentig Gebrannten, wenn in einer Version seines Schnapsaltars der Wein durch „Verrupferle“ substituiert wird. Wie überhaupt Sinnlichkeit und Leiblichkeit, aber auch Weiblichkeit, in dem stadtseitigen Raum, in dem die Schau ein Fresh-Up erfährt, das ihr sehr gut ansteht, dominieren.

Blick in den Galerienraum.
Blick in den Galerienraum.

Das Innerste ertasten

Die Neugier und Spannung, mit der man die Tabernakel öffnet und hineinschaut, auf- oder zusammenklappt, wird in der roten, neobarock verspielten mit Tentakel-artigen Armen versehenen Arbeit von Ina Loitzl noch übertroffen. Dort steckt man nämlich die zuvor in Wasser (nicht in Unschuld) gewaschenen Hände hinein und tastet sich durchs weich-textile Innenleben des Kastenobjekts.

Beeindruckend und zugleich verletzlich wirkt das Infantinnenkleid von Sabine Ott, während Georgia Creimer ihr Ich transparent macht, Jochen Höller die Seele bildhaft aus der Bibel entweichen lässt und Harald Gfader ein großes gläsernes Gefäß zum Stillleben macht. Vergänglichkeit ist auch das Thema der drei frühen Collagen-Zeichnungen der Getzner-Brüder im seeseitigen Raum, wohingegen Christian Eisenbergers Beitrag „Wasserwaagenkreuz mit Schneidbrett ohne Schnitzel und Erdäpfel“ pragmatisch-humorig scheint. Soviel Schalk und Irdisches bringen Leichtigkeit ins eigentlich sakral konnotierte Thema. In den Schreinen geht es aber auch um gesellschaftlich relevante Themen oder die Lage des Planeten, wenn der Tank mit „Christpower“ von Michael Kos schon auf Reserve steht oder die kleinen Menschenfiguren im gläsernen Tabernakel von Manfred Bockelmann über einem Abgrund aus Müll schweben. Maximilian Wiedemanns Tabernakel beherbergt eine weiße Taube und die Anweisung „In Case of War break Glass“. Aber vielleicht wird doch noch alles gut, denn auch abseits vom durch die Jahrtausende kultisch und symbolisch behafteten Objekt hat und braucht jeder einen Ort für die besonderen, liebgewordenen Dinge. Das kann auch ein Tabernakel sein. Ariane Grabher

Die Ausstellung ist im Bildraum Bodensee in Bregenz, Seestraße 5, bis 6. März geöffnet, Di bis Do von 13 bis 18 Uhr, Fr und Sa von 11 bis 16 Uhr.