Krimi und Liebestragödie im Montafon

Kultur / 24.01.2020 • 18:16 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Ausschnitt aus einem vierseitigen Flugblatt zu einem Gerichtsfall nach einem Verbrechen im Montafon.Vorarlerger Privatsammlung, foto: Jana Sabo
Ausschnitt aus einem vierseitigen Flugblatt zu einem Gerichtsfall nach einem Verbrechen im Montafon.Vorarlerger Privatsammlung, foto: Jana Sabo

Ein behördliches Flugblatt aus dem Jahr 1819 belegt eine obsessive Mann-Frau-Beziehung, die schlimm endete.

Feldkirch, Schruns Die Geschichte aus dem frühen 19. Jahrhundert klingt wie die Vorlage für ein düsteres Opernlibretto, das die Einbettung von schwülstigen Liebesarien ermöglicht oder wie das Gerüst für einen Kriminalroman. Mit noch nicht 20 Jahren verliebte sich Anna Maria Fritz, eine Bauerntochter, in den Schrunser Gemeindevorsteher Johann Ulrich Rudigier. Der immerhin verheiratete Mann dürfte der jungen Frau ebenfalls sehr zugetan gewesen sein. Jedenfalls entlud sich die Obsession in reichlich krimineller Energie. Denn die Liebesbeziehung hielt bereits vier Jahre, als man den Entschluss fasste, sich der Ehefrau des Gemeindevorstehers zu entledigen, um das Verhältnis zu legitimieren bzw. heiraten zu können.

Nachdem einige Versuche mit Gift scheiterten, heckte man einen Plan aus, der vor allem von Anna Maria Fritz ein grausames Vorgehen verlangte. Während sich ihr Liebhaber auf seine Alpe begeben hatte, schlich sich die junge Frau in Männerkleidern über ein Fenster in sein Haus, um den Mord auszuführen. Die Ehefrau soll noch wach in ihrem Schlafzimmer gewesen sein und heftige Gegenwehr gegen die Stiche geleistet haben. Die Mörderin floh, verlor aber ihre Tatwaffe und konnte ausgeforscht werden.

Bei der darauffolgenden Einvernahme leugnete Anna Maria Fritz lange Zeit die Tat, sprach von einem gedungenen Mörder, wurde ein Jahr nach der Tat aber verurteilt. Ein Begnadigungsgesuch der Delinquentin wurde abgelehnt.

Aufklärung und Abschreckung

Woher man das alles weiß? Einerseits gäbe es die zu durchforstenden Gerichtsakten, andererseits, und das ist ein besonders interessanter Aspekt, wurden in der damaligen Zeit Flugzettel in Umlauf gebracht, durch die die Bevölkerung von solchen Ereignissen unterrichtet wurde. Sie sollten Aufklärung bieten, also auch abschreckend sein, haben, wie die Sprache im vorliegenden Dokument aus dem Jahr 1819 zeigt, wohl aber auch unterschwellig die Sensationslust befriedigt. Von einer „Schauertat“ und von „satanischen Gedanken“ ist in dem vierseitigen Flugblatt zu lesen, das aus einer Vorarlberger Privatsammlung stammt. Aus diesem ist zu erfahren, dass Anna Maria Fritz Ende März 1819, nachdem sich auf dem Gericht die „hehre Lichtgestalt der Wahrheit“ zeigte, in Feldkirch durch den Strang hingerichtet wurde. Solche Flugblätter waren, wie der Kunsthistoriker Tobias G. Natter im Gespräch mit den VN ausführt, in Österreich um 1800 durchaus gebräuchlich, in Vorarlberg aber eher eine Seltenheit. Dieses ist in der Mitte einmal gefaltet und ergibt eine Art Heftchen. Ungewöhnlich sei die volle Nennung der Familiennamen. In Vergleichsbeispielen tauchten diese nur als Kürzel auf, um Verwandte und Personen mit gleichlautendem Namen zu schützen. Meist seien diese Zettel auch zwischen der Verurteilung und der Vollstreckung verfasst worden, dieser erst danach.

Bizarre Umstände

Bis in die 1860er-Jahre fanden in Vorarlberg öffentliche Hinrichtungen statt. Danach wurden sie in die Innenhöfe bzw. in die Räume des Gerichtes verlegt. Man wollte verhindern, dass es zu bizarren Menschenaufläufen kommt. Belegt sei auch der Satz einer Wirtin, die meinte, dass ihr ein solcher schauerlicher Anlass wesentlich mehr Umsatz bringt als ein festlicher.

Einzelne Bestrebungen. die Todesstrafe abzuschaffen, reichen in Österreich übrigens bis ins späte 18. Jahrhundert zurück, gänzlich abgeschafft wurde sie erst in den 1960er-Jahren. VN-cd