Rauschender Regen, brennende Buchstaben

Kultur / 27.01.2020 • 21:08 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Der Deutsche Alexander Giesche hat sein jüngstes Visual Poem nach der Erzählung von Max Frisch geschaffen.Schauspielhaus/Aubry
Der Deutsche Alexander Giesche hat sein jüngstes Visual Poem nach der Erzählung von Max Frisch geschaffen.Schauspielhaus/Aubry

Alexander Giesche verwandelt eine Erzählung von Max Frisch in ein starkes visuelles Gedicht.

ZÜRICH Als wir unseren Platz aufsuchen, kurven auf der Bühne zwei in Rollstühlen herum wie in Autoscootern. Und eigentlich hat die Vorstellung schon im Foyer begonnen, wo ein Betonmischer thront und aus Kindermund der Schlussabschnitt von „Der Mensch erscheint im Holozän“ ertönt.

Der Deutsche Alexander Giesche hat sein jüngstes Visual Poem nach der 1979 erschienenen Erzählung von Max Frisch geschaffen, und schnell wird klar, dass der neue Hausregisseur in Zürich nicht einfach einen Plot nachbuchstabieren will. Wobei freilich das Alterswerk eine spektakuläre Handlung auch nicht bereithält: Der Autor berichtet verdichtet-karg und mit leisem Humor von einem Witwer, der seinen Lebensabend in einem Tessiner Bergtal verbringt. Dieser Herr Geiser wird durch langes Regenwetter von der Umwelt isoliert und offenbart, während der Hang ins Rutschen gerät, immer deutlichere Anzeichen einer Demenz. Mit beunruhigendem Detailfleiß trägt er Wissen zu allen möglichen Themen zusammen, unternimmt einen Ausbruchsversuch ins Nachbartal und erleidet einen Schlaganfall. Die besorgte Tochter reist an, und Herr Geiser begreift: Die Natur braucht seine Wissens- und Gedächtnisanstrengungen nicht. Giesche lässt originale Textpassagen vortragen, übersetzt sie in poetische Bilder, stellt Objekte auf die Bühne, die manchmal nur noch locker assoziativ mit der Vorlage verknüpft sind, streut improvisatorisch anmutende Spielszenen ein. Der Soundtrack gibt sich popballadenhaft bis wummernd bassbetont und stützt mit oft kleinräumig wiederholten Phrasen eine meditative Atmosphäre.

Besinnliche Melancholie

Denn um meditative Versenkung, ja um Sogwirkung wie bei einer Trance geht es wesentlich. Und so lässt Giesche es in Variationen regnen – ab Lautsprecher und vom Schnürboden herab, bedrohlich oder weicher. Auf den Bühnenvorhang projizierte Buchstaben „brennen“ oder ruckeln träge über seine Fältelungen. Dass mit Maximilian Reichert ein kräftiger junger Schauspieler und mit Karin Pfammatter eine zierliche und um Jahrzehnte ältere Schauspielerin agieren, ergibt eine fruchtbare dialektische Spannung. Insgesamt ist ein bilderstarker Abend entstanden, der von einer besinnlichen Melancholie grundiert wird und den eine Rede Frischs epilogisch abschließt.

Nicht alle Bildfindungen und Szenen überzeugen aber gleichermaßen – dass zum Beispiel die beiden lange auf einem Baumstamm hocken oder im Nebel stehen, wirkt schlüssiger als der ausführliche Pas de deux vor einer pustenden Windmaschine oder das Experimentieren mit den wechselnden Stellungen eines Krankenhausbetts, und eine Szene mit sechs Kinderstatisten gerät in eine heikle Nähe zu Spiele-Shows im Privatfernsehen.

Weitere Aufführungen der
Produktion bis 1. März:
www.schauspielhaus.ch