Bei Arvo Pärt Feuer gefangen

Kultur / 30.01.2020 • 18:28 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Die deutsche Geigerin Carolin Widmann ist eine Klasse für sich. JU
Die deutsche Geigerin Carolin Widmann ist eine Klasse für sich. JU

Lohnende musikalische Fundstücke bei Dornbirn Klassik.

DORNBIRN Die Arbeit von Kulturamtsleiter Roland Jörg als Kurator seiner Konzertreihe Dornbirn Klassik ist nicht hoch genug einzuschätzen. Nun ist es ihm beim jüngsten Konzert doch glatt gelungen, aus einem vom Publikum zunächst misstrauisch beäugten Konzertprogramm mit durchwegs unbekannten Werken einen Erfolg zu generieren, mit dem letztlich alle hoch zufrieden sind, wenn man es am Schlussbeifall misst.

Die Abkehr vom Erwartbaren oder stets Gleichen, dem man bei manchen Konzertprogrammen im Land begegnet, führt auch diesmal bis herauf zur Neuen Musik, bei der das Publikum aber Feuer fängt. Dabei hatte man sich diesmal auf das offenbar unerschöpflichen musikalischen Talente-Pools des Baltikums besonnen und mit dem estnischen Tallinn Chamber Orchestra einen Volltreffer gelandet. Die schlank besetzte, 19 Streicher umfassende Truppe erweist sich mit ihrem Chef Risto Joost als höchst motiviertes, wunderbar aufeinander hörendes Ensemble von straffer Präzision, großer Klangschönheit und höchst differenziertem Umgang mit verschiedenen Musikstilen. Die geistige Klammer bildet dabei das Grenzgängertum der drei aufgeführten Komponisten zwischen Erfolg und Scheitern ihrer Werke.

Neue Musik revolutioniert

Die Talliner machen gleich zu Beginn das, was sie am besten können, nämlich als ausgewiesenes Spezialensemble Musik des weltweit verehrten Gurus der Neuen Einfachheit zu spielen, ihres Landsmannes Arvo Pärt. Er hat damit die Neue Musik entscheidend revolutioniert, und das ist kein Wunder, wenn man sich am Beginn in seinen zehnstimmigen „Cantus in Memoriam Benjamin Britten“ (1977) fallen lässt, äußerlich ein ständiges Kreisen scheinbar gleichbleibender Motive, im Innern dagegen ein in Dauer und Intervallen stets sich verändernder, fahler Kosmos, der aus der Stille kommt und wieder dorthin zurückkehrt. Ein meditativer Eindruck auch für die mucksmäuschenstill gebannten Zuhörer, der sich beim berühmtesten Stück Pärts nicht mehr in dieser Kompaktheit wiederholt. Denn da wird von den vielen Versionen, die es von „Fratres“ (1977) gibt, dem Streichorchester eine Solovioline beigesellt, die sich jedoch mit ihren wild auffahrenden Einschüben letztlich eher als Störenfried denn als sinnvolle Ergänzung erweist, weil sie den Grundpuls der fast stillstehenden Zeit aus der Transzendenz immer wieder in die brutale Realität zurückholt. Ungeachtet dessen ist die auch von der Schubertiade bekannte deutsche Geigerin Carolin Widmann eine Klasse für sich, die sich mit allen Fasern in dieses Abenteuer stürzt.

Letzte Zweifler überzeugt

In der Bewältigung eines „normalen“, romantischen Violinkonzertes von Mendelssohn hat man sie davor gehört, auch hier in ihrer Ausdrucksvielfalt eine Geigerin von Ausnahmeformat. Das ist auch nicht jenes Hitparaden-Werk in e-Moll, das man vielleicht sogar hätte mitsummen können, sondern eines aus einer Reihe des 13-Jährigen, mit zum Teil noch etwas suchender jugendlicher Naivität, die sich im finalen Rondo zu brillanter Violinakrobatik aufschwingt. Bleibt am Schluss noch Musik des vergessenen Österreichers Erich Wolfgang Korngold, dessen Symphonischer Serenade von 1947 die Musiker viel von der morbiden Endzeitstimmung seiner Erfolgsoper „Die tote Stadt“ mit auf den Weg geben. Ihre kabarettistische Einlage mit „Yellow Medium“ („Klatschpresse“) als zweite Zugabe überzeugt dann auch die letzten Zweifler. JU

Nächstes Konzert Dornbirn Klassik: 12. März, 19.30 Uhr, Kulturhaus – Camerata Salzburg, Leitung Gregory Ahss, Solist Felix Klieser, Horn (Mozart, Haydn)