Die glatte Haut der Konvention ist dünn

Kultur / 31.01.2020 • 18:29 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Elisabeth Klar mausert sich zur Spezialistin für ungewöhnliche Sujets.

Roman In ihrem gefeierten Debüt „Wie im Wald“ hatte sie aus vielen Andeutungen eine mysteriöse Familiengeschichte zusammengesetzt, in „Wasser atmen“ verband sie Bioakustik, Polareis und japanische Kampfkunst zu einer irritierenden Geschichte. In „Himmelwärts“ hebt sie nun ab Richtung modernes Märchen und Fantasy. Als Jonathans Rückenhaut gesprengt wird und sich seine gefiederten Schwingen erstmals entfalten, läuft seiner Gefährtin das Wasser im Mund zusammen. Die fürsorgliche Sylvia ist nämlich eine Fähe, eine Füchsin, die sich eine Menschenhaut übergezogen hat. Und Jonathans neue Extremitäten sind keine Engelsflügel, sondern riechen eindeutig nach Huhn. Es sind nicht alles Chimären (wie Mischwesen in der griechischen Mythologie hießen), mit denen wir leben, aber Sylvias gute Nase wittert im Alltag immer wieder einen tierischen Kern in menschlichen Hüllen.

Was Menschen alles ausmacht

Was da wirklich dahintersteckt, bleibt rätselhaft, doch man bekommt ein gutes Gefühl, um was es der österreichischen Autorin Elisabeth Klar geht: „Himmelwärts“ ist eine von Melancholie und Sehnsucht durchzogene Außenseiter-Geschichte, in der die Variationsbreite dessen, was Menschen alles ausmacht, eben ein bisschen weiter gefasst ist. Gleichzeitig geht es um sozialen und politischen Wandel, um einen Rechtsruck in der Gesellschaft, der in Österreich ebenso gespürt wird wie in Brasilien. Denn über Freunde aus der „Himmelwärts“-Bar ist Brasilien als zweiter Schauplatz in dem Roman präsent. Dort ist alles noch um einiges härter. Keine guten Zeiten für jene, die nicht irgendwo dazugehören und mitmachen wollen, sondern ihren eigenständigen, einzigartigen Weg zu gehen versuchen. „Himmelwärts“ übt sich selbst in der Camouflage. Die glatte Haut der Konvention ist dünn. Wo sie einreißt, schimmert das Unheimliche durch. So unentschieden der sprachlich bei Beziehungsgeschichten angesiedelte Roman manchmal wirkt, so rasant ist sein Finale.

„Himmelwärts“, Elisabeth Klar, Residenz Verlag, 160 Seiten.