Doppelt hält nicht immer besser

Kultur / 02.02.2020 • 20:35 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Müller, Sokolowksi und Kopp.
Müller, Sokolowksi und Kopp.

Mozarts „La clemenza di Tito“ in eigener Fassung am Landestheater: Applaus für die Sänger.

Bregenz In die Rezitative, vor allem die Secco-Rezitative, einzugreifen, ist nichts Neues in einer Inszenierung der Oper „La clemenza di Tito“. Was musste Mozart bei der Schöpfung seines letzten Bühnenwerkes auch auf die Tradition der Opera seria zurückgreifen, die als Auftragswerk dem Habsburger Leopold II. gewidmet war, der im September 1791 zum König von Böhmen gekrönt wurde. Weit weniger reformfreudig als sein Vorgänger Joseph II. hielt dieser nicht viel von den aufklärerischen Ideen, die Mozart nahezu zeitgleich in seiner „Zauberflöte“ zum Ausdruck brachte. Weder der Anlass der Komposition, noch das historische Vorbild der Titelfigur, nämlich der nicht unbedingt gütige römische Kaiser Titus, bieten Inspirationsquellen für eine spannende Umsetzung des Werks nach einem alten Libretto von Pietro Metastasio. Auch Henry Arnold konzentriert sich auf die generelle Frage, wie menschliches Verhalten in einer hierarchischen Gesellschaftsstruktur möglich ist.

Der deutsche Schauspieler und Regisseur wurde nach Beethovens „Fidelio“ im Vorjahr erneut ans Vorarlberger Landestheater engagiert und hat mit seiner Vorgehensweise weder angeeckt noch so richtig begeistert. Wobei man einschränkend bemerken muss, dass das Bregenzer Publikum generell schwer aus der Reserve zu locken ist. Bei der Premiere dürften einige eingefleischte Musiktheaterfans zudem anderweitig verpflichtet gewesen sein, denn auf sehr gute gesangliche Leistungen reagiert man auch hierzulande normalerweise intensiver. Obwohl das Programmheft keinerlei Angaben zu den Mitwirkenden auflistet – was für ein Fauxpas! -, erweist sich schon in der ersten halben Stunde, dass die Leiter der beiden Produktionspartner, das Theater und das Symphonieorchester Vorarlberg, die Besetzung mit viel Kennerschaft vornahmen.

Sehr gute Besetzung

So bietet etwa die Partie des Sesto, jenes jungen Mannes, der von Vitellia angestachelt wird, Kaiser Titus zu töten, um den Tod ihres zuvor herrschenden Vaters zu rächen, die sehr erfreuliche Begegnung mit der jungen deutschen Mezzosopranistin Annelie Sophie Müller, die stimmlich absolut kompetent die höchst unterschiedlichen Ausdrucksfarben bestens zu vermitteln vermag. Als Vitellia entspricht die aus Armenien stammende Sopranistin Narine Yeghiyan ganz den Operndiven unserer Zeit: Zu exakten Spitzentönen fähig, aber auch mit großem Stimmvolumen wird eine Rolle so gestaltet, dass sich der ganze Raum mit spürbarer Energie auflädt und das Orchester sofort die Bereitschaft hören lässt, ihr einen Mantel zu weben. Dass sich das Publikum nicht absolut auf sie konzentriert, hat ihr der Regisseur eingebrockt. Beiden Figuren wurden Schauspieler zur Seite gestellt, die den inneren Kampf, den sie ausfechten, mitunter im Zwiegespräch mit den Sängern verdeutlichen sollen. Das Konzept, das man öfter auf Opernbühnen angewendet sieht, geht vom Prinzip her auf, erleichtert durch die zusätzlich eingeflochtenen Textpassagen vor allem Musiktheaterneulingen auch das Verfolgen der psychologisch unterlegten Handlung, erweist aber dann seine Tücken, wenn die Balance ins Wanken gerät. Was kann der großartige Schauspieler David Kopp als zweiter Sesto denn dafür, dass er mit seiner Ausstrahlung und sprachlich auf den Punkt gebrachten Präsenz fast bei jedem Auftritt gleich die gesamte Bühne leerfegt? Annelie Sophie Müller muss man zusätzlich beglückwünschen, dass sie das überhaupt so gut durchhält. Zoe Hutmacher, die zweite Vitellia, steht insofern weniger im Zenit, als sie vor allem einen Aspekt der Persönlichkeit dieser Figur zu verdeutlichen hat. Während der Gesangspart Narine Yeghiyan Einsicht auferlegt, die sie mit überzeugender Vielschichtigkeit verdeutlicht, schwingt sich ihr zweites Ich auf den Thron. Titus verlässt derweil die Gesellschaft, die seinem Menschheitsideal nicht entspricht.

Der amerikanische Tenor Christopher Sokolowski, engagiert an der Staatsoper Stuttgart, gefällt mit guter Technik, wird in seinen Möglichkeiten, Glanzpunkte zu setzen aber auch durch einige Sprechpassagen (auch auf Englisch) etwas eingeschränkt. Man hört ihm dennoch gerne zu. Das gilt auch für Sarah Romberger als Annio und Sophia Körber als Servilia, die beide mit tollen Stimmen Akzente setzen.

Karsten Januschke hat mit dem Symphonieorchester Vorarlberg den Raum derart gut im Griff, dass man nach der dreistündigen Aufführung gleich die nächste hören möchte. Die erforderlichen Solo-Einsätze sind ein Genuss und der beim „Titus“ auftauchenden Diskussion über Originalklang und historisch informierte Spielweise begegnet das Orchester mit einem gut durchgezogenen Mittelweg.

Zu Dekor verkommen

Und was bleibt von der in dieser Oper aufgeworfenen Frage nach der humanen Form des Zusammenlebens? Die Aufforderung, sich damit auseinanderzusetzen, ergibt szenisch einen weitgehend spannenden Opernabend, mitunter wirkt sie aber überbetont, während etwa die Beziehung zwischen Annio und Servilia in den Hintergrund rückt, oder die erotische Spannung zwischen Vitellia und Sesto banalisiert wird. Die heutigen Kostüme von Gabriele Kortmann liefern immerhin einige Deutungsmöglichkeiten. Sich der Chorregie mit einem Einzug der guten Sängerinnen und Sänger durch den Publikumsraum zu entledigen, wirkt wie ein Sparprogramm, das auch Bühnenbildner Bartholomäus Martin Kleppek beherzigt hat. Er belässt es bei verschiebbaren Podesten und Lampen sowie Vorhängen als Projektionsflächen für ein paar filmische Kapitolfeuer- und Vesuvausbruchseffekte und Rombilder, die zu Dekor verkommen. Das gute Sänger- und Schauspielerensemble hätte sich locker auch bei mehr Einfällen durchgesetzt. Somit galt der lange Schlussapplaus vor allem diesem.

Sarah Romberger und Sophia Körber.

Sarah Romberger und Sophia Körber.

Zwei Rollen wurden verdoppelt. Im Bild sind Zoe Hutmacher und Narine Yeghiyan als Vitellia. VN/Paulitsch
Zwei Rollen wurden verdoppelt. Im Bild sind Zoe Hutmacher und Narine Yeghiyan als Vitellia. VN/Paulitsch

Weitere Aufführungen von „La clemenza di Tito“ bis 21 Februar, jeweils 16 oder 19.30 Uhr, im Theater am Kornmarkt in Bregenz: www.landestheater.org