Jede Seelenregung erkundet

Kultur / 03.02.2020 • 21:26 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Die schwarz ausgekleidete Bühne und die dunklen oder weißen Kostüme ermöglichen es Andreas Homoki, eine Art von Zwischenreich zu etablieren. Oper/Rittershaus
Die schwarz ausgekleidete Bühne und die dunklen oder weißen Kostüme ermöglichen es Andreas Homoki, eine Art von Zwischenreich zu etablieren. Oper/Rittershaus

Cecilia Bartoli hat sich in die Titelrolle der Gluck-Oper hineingekniet, Homoki hat inszeniert.

ZÜRICH, Bregenz Mit seinen Reformopern pflügte der Deutsche Christoph Willibald Gluck (1714-1787) die Musiktheaterlandschaft im 18. Jahrhundert um und prägte auch spätere Komponisten nachhaltig. Dass gerade eine in ihren wechselnden Projekten immer wieder nach Wahrhaftigkeit und dramatischem Gehalt strebende Künstlerin wie Cecilia Bartoli auch einmal die Titelrolle in Glucks „Iphigénie en Tauride“ verkörpern würde, war eigentlich vorauszusehen. 2015 an den von ihr verantworteten Salzburger Pfingstfestspielen war es soweit. Und jetzt interpretiert Bartoli diese Figur in insgesamt fünf Vorstellungen erneut auf der Bühne, diesmal am Opernhaus Zürich in einer werkdienlich geratenen Neuinszenierung dieser Oper durch Hausherr Andreas Homoki, der mit „Madama Butterfly“ die nächste Seeaufführung in Bregenz inszeniert. Die Norwegerin Birgitte Christensen übernimmt dann einige Februar-Abende. Iphigenie? Ja, das ist in der griechischen Sagenwelt jene Tochter des Heerführers Agamemnon, die dieser, um die erzürnte Diana milde zu stimmen, in Aulis opfern will, die aber im letzten Moment von der Göttin verschont und ins entfernte Tauris fortgezaubert wird. Begleitet von seinem treuen Freund Pylades trifft der Muttermörder Orest dort nach Jahren auf seine Schwester, die als Oberpriesterin Dienst tut. Das Leiden an dem ihr verhassten Auftrag des Skythenkönigs Thoas, auf der Halbinsel ankommende Fremde töten zu müssen, erreicht bereits da, als die Blutsverwandtschaft mit Orest in Iphigenie eine für sie noch nicht benennbare Vorahnung ist, einen Grad, den Bartoli gesanglich mit schmerzlich eingefärbten Klangtönungen bei großer Dynamik-Bandbreite zum Ausdruck bringt.

Schauspielerischer Verve

Insgesamt gießt Bartoli ein ganzes Füllhorn an Affekten aus an dem Abend – gestützt auch von schauspielerischer Verve und immer mit der für sie typischen Prise Italianità.

Stéphane Degout singt und spielt den Orest mit kontrolliert flutender Baritonstimme und gleichgestimmter emotionaler Verausgabung, und der Tenor Frédéric Antoun hält wunderbar mit als Pylades. Am Ende behaupten sich die Freunde siegreich gegen Thoas – Jean-François Lapointe gibt ihn als blutgeilen Barbaren und mit sonorem Bass –, und Diana stiftet Frieden in den schuldgeplagten Seelen der Geschwister. Den prominent eingesetzten Chor hat Janko Kastelic sauber präpariert. Unter dem Dirigenten Gianluca Capuano spielt die Spezialformation Orchestra La Scintilla mit „sprechendem“ Klang, sogkräftig fließenden Legati und rhythmisch federnd.

Die nachtschwarz ausgekleidete Bühne, in die in Abständen Licht in verschiedenen geometrischen Formen einfällt, und die dunklen oder weißen Kostüme des Ausstatters Michael Levine ermöglichen es Andreas Homoki, eine Art von Zwischenreich zu etablieren zwischen Traum und Wirklichkeit, Oberwelt und Unterwelt, wo überdies die letzten Morde aus dem seit Langem waltenden „Atridenfluch“ bedrohlich hineingrüßen. Es ist eine Regie, die Gluck gewissermaßen unterstützt bei dessen Erkundung der Seelenregungen. tb

Weitere Aufführungen (Dauer: eindreiviertel Stunden) bis 28. Februar: www.opernhaus.ch