Wahrhaftige Worte zum Alltag in der Familie

Kultur / 07.02.2020 • 18:00 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Das LochSimone HirthKremayr & Scheriau268 Seiten

Das Loch

Simone Hirth

Kremayr & Scheriau

268 Seiten

Ein wunderbarer Briefroman bringt Themen auf den Punkt.

Roman Als die Ich-Erzählerin am 31. Dezember 2017 mit ihrem „Briefroman“ ansetzt, ist es schon da: das Loch. Das Loch, das sich seit der Geburt ihres Babys aufgetan hat. Das Kind schläft nachts wenig und hindert die Autorin daran, relevante Gedanken zu denken, geschweige denn sie in Literatur zu verwandeln. Also tut sie, was ihr bleibt: Sie schreibt über ihren Alltag, die gut gemeinten Ratschläge der Schwiegermutter und die (emotionale) Abwesenheit des Ehemanns. Sie schreibt darüber, wie unbefriedigend es ist, darüber ­schreiben zu müssen, weil es immer noch keine Lösungen gibt.

Das könnte bald fad werden. Aber Simone Hirth, die sich in ihrem ersten Roman „Lied über die geeignete Stelle für eine Notunterkunft“ und dem Nachfolger „Bananama“ dem Aussteigen aus der (kapitalistischen) Gesellschaft gewidmet hat, hat mit der Wahl des Genres eine Ebene geschaffen, die aus dem Erzählten eine zutiefst feministische Lektüre macht, die einmal mehr vor Augen führt: Es gibt kein Verständnis für intellektuelle Eigenständigkeit, keine Betreuungseinrichtungen und keine Verbündeten. Die junge deutsche Autorin, die in Niederösterreich lebt und ausdrücklich darauf hinweist, dass Ähnlichkeiten mit realen Personen rein zufällig sind, legt ihrer Erzählerin Worte in den Mund, die in ihrer Wahrhaftigkeit schmerzhaft sind.

Goethes Werther erreicht ein Brief

Sie schreibt sogar an den Bundeskanzler und die Frauenministerin, an Schneewittchen und Rosa Luxemberg, an die heilige Maria und Madonna, auch an Mohammed und Jesus und – natürlich – an den jungen Werther, Goethes ewigen Helden des Briefromans. Auch seine Lotte bekommt einen Brief („Der Werther hat ja echt keine Ahnung. Kein Wunder, dass du ihn nicht wolltest“). Selbst Literaturkritiker schreibt sie direkt an und nimmt ihnen so den Wind aus den Segeln („Du meinst, das interessiert keinen?  . . . Mich interessiert es eigentlich auch nicht, weißt du“).

In einem Brief an die Frauenministerin bringt Hirth das Dilemma auf den Punkt: „Ich würde gerne nicht über ein Loch nachdenken müssen, sondern mich mit der Gehaltsschere, der allgemeinen Gleichstellung der Frau und Gewalt gegen Frauen und Kinder auseinandersetzen. Auch mit den ganz unauffälligen Formen der Gewalt.“ Mit dem wunderbaren, über weite Strecken bei all dem Grau äußerst humorvollen Briefroman „Das Loch“ ist es Hirth durch die Hintertür dann doch meisterhaft gelungen.