Auf Teufel komm raus musiziert

Kultur / 09.02.2020 • 16:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Das Ensemble Esperanza mit Violinsolistin Sara Domjanic. ANDREAS DOMJANIC

Das VP Band Classic Festival in Bad Ragaz macht eine kreative Pause und sucht nach neuen Formaten.

Bad Ragaz Man hat es in der Branche gemunkelt, und da stand es nun schwarz auf weiß im Editorial des Programmheftes: Diese zehnte Ausgabe des VP Bank Classic Festivals bedeutet auch das Ende in dieser Form. Im VN-Gespräch relativiert der Liechtensteiner Musikmanager und Festival-Gründer Dražen Domjanić. Der Grund für das Aus des äußerst erfolgreichen jungen Projektes mit einem Jahresbudget von 400.000 Franken liege weder am mangelnden Besucherinteresse noch an Kürzungen seitens des Sponsors, der sich seit zwei Jahren auch in den Namen des Festivals hineinreklamiert hat: „Wir machen eine kreative Pause und starten dann mit einem digitalisierten Konzept neu durch.“ Derweil nehmen das SOL, die FL-Akademie und das alpenarte-Festival Schwarzenberg seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch.

Esperanza als Aushängeschild

Und es ist wie ein Rufzeichen zur Bestätigung der jugendlichen Lebendigkeit und Überlebensfähigkeit dieser Einrichtung, was da am Samstag beim vierten von insgesamt zehn Konzerten in dieser Woche im Kursaal des feudalen Grand Resort Hotels mit einem hochkarätigen Programm geboten wird. Es baut sich dramaturgisch effektvoll auf von der Kammermusik zum fulminanten Ensemble Esperanza als Aushängeschild, das selbst das gesetztere, sehr aufmerksame Publikum aus dem vornehmen Kurort aus der Fassung zu bringen vermag. Alles ist perfekt durchgestylt wie eine Kamera, die die Hände des Pianisten auf einem Bildschirm für die Zuhörer besser sichtbar macht. Die notwendigen Umbauten passieren blitzschnell wie im Zirkus, der Intendant persönlich legt Hand an den gewichtigen Bösendorfer.

Der vielfach preisgekrönte Pianist Dmytro Choni.
Der vielfach preisgekrönte Pianist Dmytro Choni.

Der erste Programmteil wird dominiert von drei jungen Künstlern, zwei davon haben als Artist in Residence bereits vorab eine Art Ritterschlag erhalten. Dazu gehört der aus der Ukraine stammende, vielfach preisgekrönte 26-jährige Pianist Dmytro Choni, dem man höchstens 20 geben würde, wie er sich noch etwas schüchtern verbeugt. In Debussys verträumter Arabeske trifft er sofort den rechten impressionistischen Ton, leicht schwebend, verletzlich, erotisch. Auch Joseph Haydn betrachtet er anhand seiner Sonate Nr. 5 in E-Dur nicht leichtfertig als liebenswürdigen „Papa“, sondern kehrt dessen Zweifel und Vorbehalte besonders im langsamen Satz heraus, der sich wie Bach ausnimmt. Im folgenden Duo ist auch der 24-jährige Berliner Cellist Christoph Heesch ein „Artist“ in Ragaz. Zusammen mit seinem Begleiter Julius Asal (22) überzeugt die zupackende Art, in der sich die beiden mit spürbarer Begeisterung und körperlichem Einsatz der Cellosonate von Schostakowitsch mit ihren aufgerauten sarkastischen Einwürfen widmen. Beethovens späte zerklüftete Cellosonate Nr. 4 C-Dur bietet ihnen weiteres Potenzial für einen bewusst schroffen, im Adagio dagegen liebenswürdig sanglichen Zugang.

 Cellist Christoph Heesch mit seinem Begleiter Julius Asal.
Cellist Christoph Heesch mit seinem Begleiter Julius Asal.

Und dann gilt es zu feiern, nämlich das Ensemble „Esperanza“, das fast auf den Tag genau vor fünf Jahren als Erfindung von Dražen Domjanić an dieser Stelle aus der Taufe gehoben wurde. Mittlerweile hat die aus einem Dutzend exzellenter internationaler Streicher zusammengesetzte Truppe mit der Französin Chouchane Siranossian als Konzertmeisterin eine beispiellose Karriere durchlaufen und wohl europaweit kaum Konkurrenz zu fürchten. Das beweisen die Publikumslieblinge diesmal mit einer umwerfenden Wiedergabe der „Vier Jahreszeiten“ des legendären argentinischen Tango-Gurus Astor Piazzolla. Ihm ist damit ein genialer Konzertsaal-Reißer gelungen, bei dem über dem Latin-Idiom immer wieder Fetzen von Vivaldis berühmtem Original wie aus einer fernen Welt herüberblitzen. Die in Vaduz geborene, 22-jährige Sara Domjanić erweist sich mit ihrem extremen Solopart als brillant überschäumendes, trotzdem kontrolliertes Temperamentbündel, bleibt im Kontakt mit ihren Mitspielern aber stets Teil des Ganzen. Es ist einfach herzerfrischend, wie ungeniert und unverblümt die jungen Leute die Lebensphilosophie dieses Werkes vermitteln – auf Teufel komm raus musiziert. Fritz Jurmann