„Eine Verherrlichung wäre problematisch“

Kultur / 14.02.2020 • 22:28 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Monika Helfer: „Wenn ich ein Buch über Japan schreiben möchte, würde ich nicht nach Japan fahren, sondern mich einfach sehr gut kundig machen.“ VN/Paulitsch
Monika Helfer: „Wenn ich ein Buch über Japan schreiben möchte, würde ich nicht nach Japan fahren, sondern mich einfach sehr gut kundig machen.“ VN/Paulitsch

Einen Roman, der auch etwas von ihrer Familiengeschichte beinhaltet, nennt Monika Helfer „Die Bagage“.

Hohenems „Die Wahrheit in einem Roman dauert zehn Zeilen“, sagt Monika Helfer: „Wenn ich genau bin, gehe ich ins Innere einer Person, dann ist es Fiktion.“ Die Menschen in ihrem neuen Roman „Die Bagage“ heißen Maria, Josef, Grete wie ihre Mutter und Lorenz wie ihr Sohn. Auch von Onkel Hermann ist die Rede und von Tante Kathe, die die Kinder, darunter auch die Erzählerin, nach dem Tod der Mutter aufnimmt. Es sei merkwürdig, dass sie viele Leute gefragt haben, warum sie die Namen im Roman nicht geändert hat, erwähnt Monika Helfer. Sie brauchte sie. „Ich brauchte die Namen, um mir das wirklich gut imaginieren zu können, das war wie eine Schnur, an der ich mich halten konnte.“ Die Geschichte von Josef und Maria, die am Rande eines Dorfes wohnen, von Josef, der in den Krieg muss, von Maria, „die weiß, dass sie den Männern gefällt, nicht einen kennt, bei dem sie nicht sicher ist“, von Grete, die früh stirbt, ist zumindest in den Grundzügen auch die Geschichte der Erzählerin selbst. „Und als es geschah, waren ihre Schwestern und Brüder und auch wir, ihre Kinder, meine beiden Schwestern und mein Bruder, wie aus der Welt gefallen, als hätten wir nicht gewusst, dass sie sehr krank war, als gäbe es keine Krankheit, die zum Tod führte, als gäbe es den Tod nicht“, heißt es in dem Roman.

„Bin ein Produkt dieser Bagage“

Es sei nicht der erste Versuch gewesen, sie habe sich das Schreiben dieses Buches schon lange vorgenommen, erzählt sie, aber es sollte sich niemand in ihrer Verwandtschaft betroffen fühlen. Es stimme vieles in diesem Text, das wolle sie gar nicht von sich weisen, aber es sei kein autobiografisches Buch. Es werde auch nie erwähnt, wo die Geschichte spielt. Auch wenn die Leserinnen und Leser in der Region aufgrund der Biografie von Monika Helfer auf einen Ort im Bregenzerwald schließen, bleibt er unerwähnt. Der Wunsch der Autorin ist es, dass man davon ausgeht, dass sich die Geschichte in jeder Dorfgemeinschaft zugetragen haben könnte. Man geht davon aus, doch der Titel „Die Bagage“ macht ob seiner negativen Konnotation auch etwas stutzig. Es sei vielleicht banal oder gar ein Schimpfwort, der Begriff sei für sie aber nicht negativ besetzt. „Ich habe sie zur Bagage gemacht und ich bin ein Produkt dieser Bagage“, hält sie unumwunden fest, ein wenig so wie sie schreibt. Mit dem Begriff hat sie überhaupt kein Problem, ganz im Gegenteil: „Eine Verherrlichung wäre problematisch.“

Ein Kartenhaus, das hält

Gerade einmal 160 Seiten hat das Buch, die Familiengeschichte, die sich vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis herauf in die Gegenwart zieht, erscheint einem dennoch wie ein dicker, inhaltsvoller Roman. Genau so habe sie es sich gewünscht, bestätigt die Schriftstellerin den Eindruck. Sie habe das Bild eines Kartenhauses vor sich gehabt, aus dem man immer wieder behutsam Karten herauszieht, gerade so viele, dass es nicht in sich zusammenklappt. Die Geschichte ist schön konstruiert, aber nicht chronologisch aufgebaut. „Ich kann nicht über Vergangenes schreiben, wenn ich nicht in der Gegenwart bin. Wenn ich einfach nur chronologisch schreiben würde, was langweilig wäre, wenn ich nicht irgendwo einhaken kann mit meiner Biografie, dann wäre es für mich kein stimmiger Text geworden.“

Imagination

Die Figuren sind ihr beim Schreiben sehr nahe gewesen. Monika Helfer wehrt jegliche Annahme einer konkreten Familiengeschichte aber, wie erwähnt, nicht nur sehr geschickt als Schriftstellerin, sondern auch im Gespräch ab: „Ich kann mir unglaublich viel vorstellen. Wenn ich ein Buch über Japan schreiben möchte, würde ich nicht auf die Idee kommen, nach Japan zu fahren, sondern mich einfach sehr gut kundig machen.“ Das Buch ist erst wenige Wochen, um nicht zu sagen, wenige Tage auf den Markt, gerade aus Deutschland habe sie aber bereits zahlreiche positive Rückmeldungen bekommen. Dass „Die Bagage“, wie umgehend geschehen, auf renommierten Bestsellerlisten landet, sei für sie unvorstellbar gewesen.

Eines der letzten Bücher von Monika Helfer war für den Deutschen Buchpreis nominiert. Seit „Die wilden Kinder“ und „Oskar und Lilli“, deren Erscheinungsdatum schon lange zurückliegt, hat sich die Schriftstellerin im Literaturbetrieb positioniert.

„Es stimmt in diesem Text vieles, aber es ist kein autobiografisches Buch.“

Zur Person

Monika Helfer

Geboren 1947 in Au

Tätigkeit Schriftstellerin

Werke Romane (darunter „Die wilden Kinder“, „Oskar und Lilli“, „Wenn der Bräutigam kommt“, „Die Welt der Unordnung“, „Schau mich an, wenn ich mir dir rede!“, “Die Bagage“ ); Theaterstücke (darunter „Kreuzers Kinder“, „Der Frauentourist“); Hörspiele; seit einigen Jahren Kolumnistin der Vorarlberger Nachrichten

Auszeichnungen u. a. Österreichischer Würdigungspreis für Literatur, Österreichisches Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst, Ehrenpreis des Vorarlberger Buchhandels, mehrfach Österr. Kinder- und Jugendbuchpreis

Wohnort Hohenems

„Die Bagage“ von Monika Helfer, Verlag Hanser. Lesung der Schriftstellerin in Kooperation mit der Handlung Das Buch am 6. März, 19 Uhr, bei Russmedia in Schwarzach.